Die Stadt Bern hat im Laufe ihrer Geschichte viele Wandlungen erlebt. Aktuell hinterfragt ein liberaler Autor ihren Status als alleinige Bundesstadt. Für ihre Einwohner bleibt Bern eine bevorzugte Wohngegend, während Pendler nach Feierabend oft schon vor dem eigentlichen Heimweg ausstempeln. Der Intercity fährt speziell am Bahnhof Wankdorf vorbei, um Arbeitnehmern in bundesnahen Betrieben die Rückfahrt ins Stadtzentrum zu ersparen. Trotzdem betrachten Stadtbewohner Bern als das Zentrum der Welt – zumindest ihres eigenen. Die Erfindung des Flussschwimmens wird stolz behauptet, und selbst Fremde erfahren gerne vom traditionellen „Aaaaree-Bäääg“ zur Pop-up-Bar auf klapprigen Stühlen. Jetzt stellt Nicolas Jutzet in der Westschweizer Tageszeitung “Le Temps” sowie im liberalen Magazin “Schweizer Monat” die Rolle Berns als Bundesstadt infrage. Er schlägt vor, dass Parlamentssitzungen künftig auch in Zug stattfinden könnten – ein Kanton, der zum Finanzausgleich beiträgt. Das Thurgauer Kantonsparlament, das zwischen Frauenfeld und Weinfelden wechselt, könnte als Vorbild dienen. Im Gegensatz zu europäischen Hauptstädten wie Paris oder Berlin hat Bern nie eine dominierende Rolle in der Schweiz eingenommen. Als Kompromiss für ein Land mit vielen Zentren wurde es zur Bundesstadt ernannt und ist es geblieben. Dennoch wird die historische Bedeutung Berns für die Entstehung der Schweiz oft unterschätzt. Im Spätmittelalter war das Bündnisgeflecht der Alten Eidgenossenschaft zersplittert. Zürich orientierte sich am schwäbischen Raum, und um den Vierwaldstättersee drängten die inneren Orte nach Süden. Bern schuf mit der Burgundischen Eidgenossenschaft seine eigene Allianz. Durch das Bündnis konnte Bern sowohl innere Stabilität als auch Expansion gegen Westen anstreben. Ohne Bern wäre die Schlacht von Murten und der Fall des Burgunderreiches wahrscheinlich nicht geschehen. Der Sieg über Karl den Kühnen stärkte die Selbstwahrnehmung der Eidgenossenschaft, indem sie sich als „edle, fromme Bauern“ gegen Aristokraten positionierten. Berner militärische Stärke trug maßgeblich zum Erfolg bei. Der Sieg öffnete neue Möglichkeiten für die Eidgenossen, obwohl er ihnen nur bescheidene politische Gewinne brachte. Ohne Bern gäbe es vermutlich keine Romandie. Gonzague de Reynold sah im Ancien Régime Bern als „wahren Mittelpunkt“ der Schweiz. Das Patriziat verstärkte seinen Einfluss durch französische Pensionen und Adelstitel, wodurch Bern eine kulturelle Brücke zwischen alemannischem und burgundischem Raum bildete. Als die Bundesbehörden 1848 angesiedelt werden sollten, entschied sich die Romandie fast einstimmig für Bern. Trotz Ressentiments lag man den vormaligen Herren näher als dem bedeutenderen Zürich – sowohl geografisch als auch kulturell. Das stolze Patriziat ist entmachtet oder hat sich angepasst, wie etwa der ehemalige grüne Stadtpräsident Alec von Graffenried. Bern wird nun als linke Schweizer Stadt gesehen. Bereits vor zwanzig Jahren bezeichnete der Investigativjournalist Urs Paul Engeler Bern als „Magnet für Autonome“ und andere Randgruppen, was sich in bürgerlicher Kritik widerspiegelt – sei es bei Subventionen oder unbewilligten Demonstrationen. Für wirtschaftsfreundliche Kreise ist Bern ein finanzielles Problem, da die Stadt hoch verschuldet ist und regelmäßig Defizite budgetiert. 25 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Verwaltungen, was die Wirtschaftsstruktur stabilisiert. Verliert Bern die Bundesversammlung nicht, ändert sich daran nichts. Nur Beizen und Hotels könnten klagen, da Parlamentarier während der Sessionen die Wirtschaft ankurbeln. Das EU-Parlament pendelt alle vier Wochen zwischen Brüssel und Strassburg – ein teures Unterfangen laut Europäischem Rechnungshof. Angesichts der bestehenden Budgetlücken könnte man sowohl EU-Kritiker als auch -Freunde zu dem Schluss kommen, dass dieses Modell für die Schweiz nicht geeignet ist.