Daniel Stelter, einer der schärfsten Wirtschaftskritiker Deutschlands, beharrt darauf, dass nur radikale Veränderungen das Land noch retten können. Er erläutert zudem die Bedingungen, unter denen er in die Schweiz auswandern würde.
Die Zeichen wirtschaftlicher Stagnation – kaputte Brücken, marode Schienen und geschlossene Werkstätten – sind in Deutschland überall zu sehen. 2018 hatte der Ökonom Daniel Stelter in seinem Buch “Das Märchen vom reichen Land” die Wirtschaftspolitik unter Merkel kritisiert; viele seiner damaligen Warnungen haben sich bewahrheitet. Das Bruttoinlandprodukt stagniert auf dem Niveau vor der Pandemie, während andere Länder wieder wachsen. Stelter sieht nun in seinem neuen Buch wenig Zeit für eine Trendwende und fordert einen Neustart Deutschlands.
Stelter zeigt sich zufrieden mit seinen Prognosen, obwohl er traurig ist, dass sie eingetroffen sind: “Gleichzeitig bin ich ein wenig traurig, dass viele meiner Prognosen eingetreten sind. Es wäre mir lieber, wenn es mit Deutschland besser gekommen wäre, als ich es beschrieben habe.” Sein Aufrüttelstil hat ihm den Ruf des bekanntesten Krisenapostels in Deutschland eingebracht.
“Wenn schon, dann würde ich mich aber als seriösen Krisenapostel bezeichnen. Andere verkaufen mit dem Schwarzmalen ein Geschäftsmodell, wie Gold, Bitcoin oder Bunker in den Schweizer Bergen”, sagt er. Er sieht seine Aufgabe darin, durch Bücher und Podcasts zur wirtschaftspolitischen Diskussion beizutragen.
Stelter kritisiert die europäische Währungspolitik: “Das fundamentale Problem des Euro existiert nach wie vor: Die europäischen Volkswirtschaften konvergieren nicht, sondern entwickeln sich auseinander.” Der Exportboom in den 2010er Jahren habe die deutsche Wirtschaft träge gemacht. “Unsere Unternehmer hielten sich für Superhelden, sie verloren den Druck zur ständigen Innovation”, stellt er fest.
Er fordert grundlegende Reformen: eine neue Energiepolitik, eine Umkehr des Atomausstiegs und die Vereinfachung des Sozialstaats. “Wir haben allein auf Bundesebene über 500 Einzelmassnahmen. Anstatt über die Rechtfertigung einzelner Ansprüche zu diskutieren, sollten wir den Sozialstaat von der grünen Wiese denken”, schlägt er vor.
Stelter glaubt an eine positive Veränderung: “Meine Bücher kaufen Leute, die bereits wissen, dass die deutsche Wirtschaft in einer Krise steckt.” Er appelliert an die Bürger, mit seinen Argumenten Druck auf Politiker auszuüben. Auch wenn er sich an Deutschland hängt und keine Auswanderungspläne hat: “Ich hänge trotz allem an Deutschland. In die Schweiz gehe ich nur, wenn meine Frau das will.”