Ein Kita-Mitarbeiter missbraucht trotz früher Warnungen mehrere Kinder. Nach Ermittlungsbeginn findet er einen neuen Job, in dem er weitere Taten begeht. Recherchen der «NZZ am Sonntag» offenbaren: Die ersten Hinweise auf sein grenzüberschreitendes Verhalten reichen Jahre zurück.
Silvan L.*, ein Mitte 30er mit zierlicher Statur, ist im Bildmaterial stets fröhlich bei Kinderaktivitäten zu sehen. Tatsächlich war er jedoch der Alptraum für berufstätige Eltern: Als Betreuer in Winterthurer und Berner Kindertagesstätten missbrauchte er laut Anklage fünfzehn Kinder sexuell, was landesweit Aufmerksamkeit erregt.
Doch neu bekannt gewordene Recherchen zeigen, dass bereits vor den ersten offiziellen Vorwürfen Warnsignale über sein Verhalten existierten. Diese wurden jedoch ignoriert.
Im Sommer 2022 wurde gegen den Betreuer von einer Mutter Anzeige erstattet. Die Winterthurer Kita meldete Silvan L. zur Polizei, die Ermittlungen jedoch wieder einstellte – er wechselte unbehelligt nach Bern und beging weitere Verbrechen.
Recherchen enthüllen nun, dass der Kita bereits zwei Hinweise vorliegen sollten: eine Mutter berichtete 2020 über verdächtiges Verhalten ihres dreijährigen Kindes. Eine Gruppenleiterin versicherte daraufhin, das Schutzkonzept zu überprüfen.
Trotzdem konnte Silvan L. weiterhin Kinder missbrauchen. Ein Lehrling berichtete ebenfalls von grenzüberschreitendem Verhalten in der Kita. Diese Vorfälle wurden laut Quellen mündlich an eine Führungskraft gemeldet.
Die Dachorganisation der Winterthurer Kita bezeichnet die neuen Informationen als unerwartet und versichert, das Kindeswohl sei immer Priorität gewesen. Die Organisation wollte die Vorgänge aufklären: «Wir nehmen das sehr ernst und wollen dem nachgehen.»
Laut SRF hat Silvan L. in Winterthur sieben Kinder missbraucht. Anklagen umfassen Vergehen zwischen September 2021 bis November 2023. Er befindet sich in Haft, gesteht laut seinem früheren Verteidiger die meisten Vorwürfe.
Interessant ist auch die Kündigungsphase: L. wurde im August 2022 krankgeschrieben und verließ die Kita mit einer warmen Verabschiedung. Die Organisation räumt heute ein, dass dies «deplatziert» wirkte.
Im März 2023 wechselte er trotz laufender Ermittlungen in eine Berner Einrichtung – die Winterthurer Kita widerspricht der positiven Referenz. Eine Verantwortliche erwähnt einen möglicherweise übersehenen Vermerk im Arbeitszeugnis.
Die Staatsanwaltschaft gab an, aufgrund unklarer Aussagen kein Strafverfahren eingeleitet zu haben. L. wurde in Bern bei der Nutzung von Kinderpornografie entdeckt; Hausdurchsuchungen brachten Beweise zutage.
Die Eltern aus Winterthur sind empört über das Vorgehen der Institutionen, die Organisation muss nun am Montag mit den betroffenen Familien kommunizieren.