Der russische Staat hat sich zahlreichen Internetplattformen wie Telegram und Whatsapp entledigt. Eine neu entstehende Oppositionsbewegung verzichtet auf Rebellion, setzt aber dennoch Widerstand gegen die wachsende Zensur ein. Warwara Lutsch, 20 Jahre alt, Management-Studentin und Fahrradkurierin, die zudem Rockkonzerte organisiert, ist eine der Gesichter dieser Bewegung. Mit bunten Haaren und jugendlichem Aussehen vertritt sie den Spitznamen «Lichtstrahl». Sie erzählt lebhaft von einer Entkommen-Erfahrung: Ein Mann in dunklen Jeans und Lederjacke folgte ihr, als sie versuchte zu entkommen. Dieser war ein Zivilbeamter des Extremismus-Verhinderungszentrums. Nachdem Warwara einem anderen Auto vertraute, fand sie sich letztlich sicher vor der Verfolgung. Warwara ist Teil einer neuen Oppositionsbewegung in Russland, die sich gegen die immer weiter wachsenden Internetverbote wehrt. Der Staat hat Plattformen wie Instagram, Youtube und Whatsapp gesperrt, und VPN-Verbindungen werden eingeschränkt. Das mobile Internet wird regelmäßig gedrosselt – offiziell aus Sicherheitsgründen. Die Proteste gegen die Zensur werden von Anhängern liberaler Parteien, kommunistischen Regionalabgeordneten oder der Gruppe «Stab der Kandidaten» organisiert. Warwara kooperiert mit diesem Stab. Der Jurist Dmitri Kissijew, Mitbegründer des Stabs, berichtet von Kundgebungen in vierzig Städten im März, die alle abgelehnt wurden. Auch für geplante Demonstrationen am Sonntag erhielten sie keine Genehmigungen. Lediglich in Wladimir wurde eine Protestaktion auf den 15. April verschoben – nur um letztendlich auch hier abgesagt zu werden. Julia Grekowa, Werbedesignerin und Mitorganisatorin der Veranstaltung, bemerkt resigniert die immer neuen Ausreden für die Absagen. Dmitri Kissijew betont: Die Ablehnungsschreiben könnten ein Symbol ihrer Epoche werden. Eine Umfrage auf einem lokalen Portal in Wladimir zeigt, dass 87,3 % der Befragten sich über die Internetblockaden «ärgern» oder «wütend» sind – seit Sommer 2025 wegen angeblicher Drohnengefahr. Die Bewegung ist jung und dezentralisiert. Es gibt keine zentrale Führungsfigur, die das Risiko einer Gefangennahme birgt. Warwara nennt Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja als Vorbild, während Julia den Sowjetdissidenten Andrei Sacharow erwähnt. Die Oppositionellen befolgen die Gesetze und vermeiden ungenehmigte Kundgebungen, um nicht in Extremismusvorwürfe zu geraten. Sie kleben Flugblätter mit «Keine Zensur» anstatt «Putin muss weg!». Die jungen Aktivisten sind sich bewusst, dass sie keine großen Veränderungen am Kreml herbeiführen können. Sie wissen um die Risiken ihrer Handlungen in Russland. Konstantin Larionow, 29 Jahre alt und Leiter des Kandidatenstabs in Kaluga, beschreibt die Situation: Die Sicherheitskräfte zeigen manchmal Verständnis, obwohl sie in Überzahl sind. Doch der Ehrgeiz dieser jungen Menschen besteht darin, dass öffentlicher Widerstand wieder möglich wird. Warwara musste selbst die Konsequenzen erfahren und wurde zu fünf Tagen Arrest wegen angeblicher Propaganda für eine extremistische Organisation verurteilt.