Das Schweizer Projekt des elektronischen Patientendossiers (EPD) ist gescheitert. Nun soll ein neues Vorhaben, das Elektronische Gesundheitsdossier (EGD), Abhilfe schaffen. Experten mahnen jedoch angesichts hoher Kosten zu Vorsicht.
Die Digitalisierung im Schweizer Gesundheitssystem kommt schleppend voran. Der Bund bemüht sich seit zwei Jahrzehnten um die Einführung eines EPD, doch bisher haben nur wenige einen Zugang dazu erhalten – das Projekt gilt als Fehlschlag.
Im November 2025 stellte Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider eine Gesetzesrevision vor, um das EPD zu retten. Zukünftig soll jedem Schweizer Bürger automatisch ein Dossier zugestellt werden, nachdem er vom Kanton informiert wurde. Widerspruch und Löschung sind möglich.
Das Projekt EGD wird mit zweistelligen Millionenkosten verbunden sein. Die Gesundheitskommission des Nationalrats diskutiert die Vorlage in den kommenden Tagen, während Experten bereits deutliche Kritik üben.
Samuel Eglin, ehemaliger Geschäftsführer der Axsana AG, warnt: “Es droht ein millionenteures Scheitern.” Er kritisiert das EGD als widersprüchlich und unnötig kompliziert. Eglin hatte bereits 2022 die Überlebensfähigkeit des EPD aufgrund dezentraler Strukturen und fehlender Finanzierung infrage gestellt.
Bis Februar 2026 haben rund 133.000 Menschen ein EPD eröffnet, was nur knapp 1,4 Prozent der Bevölkerung entspricht – weit entfernt von der notwendigen kritischen Masse für sinnvolle Netzwerkeffekte.
Die neue Vorschlag beinhaltet eine Wahlfreiheit: Alle erhalten ein Dossier, können es aber jederzeit löschen. Diese Option scheint wichtig für die Akzeptanz zu sein, wie das knappe Ja zur E-ID im September 2025 zeigte. Doch diese Freiwilligkeit könnte den Erfolg gefährden.
Baume-Schneiders Plan sieht eine Widerspruchsmöglichkeit vor der Dossiereröffnung vor. Eglin kritisiert die zusätzlichen Kosten bei gleichbleibender Verwirrung für Bürger als administrativen Albtraum.
Eglin betont zudem, dass Patienten weiterhin entscheiden sollen, welche Daten freigegeben werden. Das EGD würde so zu einer “riesigen kostenlosen Gesundheits-Dropbox”. Er fordert ein Solidaritätsprinzip für den Zugang zu relevanten Gesundheitsdaten.
Felix Schneuwly von Comparis sieht ebenfalls Probleme: Die Revision klärt nicht, ob alle Daten im EGD vorhanden sind. Eine Dokumentationspflicht sei notwendig. Er schlägt vor, auf ein staatliches Dossier zu verzichten und stattdessen verbindliche digitale Standards einzuführen.
Schneuwly plädiert dafür, sich auf Digisanté zu konzentrieren, um bis 2034 im Gesundheitswesen Standards zu etablieren. Das EGD wird erst unverzichtbar, wenn es zum zentralen System wird und nicht mehr freiwillig ist.
Er verweist auf das dänische Beispiel, wo der Datenaustausch über eine nationale Plattform effizient funktioniert. Eine solche obligatorische Speicherung in der Schweiz könnte politisch schwierig werden, obwohl die Akzeptanz steigt: 25 Prozent sind uneingeschränkt dafür, weitere 47 Prozent tendenziell einverstanden.
Eine aktuelle Umfrage zeigt einen Rückgang des Widerstandes gegen elektronische Gesundheitsdaten. Der Anteil der Unentschlossenen und Gegner sinkt auf 28 Prozent.