Nach dem Scheitern des CO2-Gesetzes von 2021, das eine Flugticketabgabe vorsah, startet nun ein neues Volksbegehren diesen Vorstoß erneut. Die Initiative schlägt vor, für jeden Kurzstreckenflug mindestens eine Gebühr von 30 Franken zu erheben. Ein HSG-Professor unterstützt das linksorientierte Vorhaben. Trotz des Rufes der Schweiz als Bahnland legen ihre Bewohner jährlich etwa 10.000 Kilometer mit dem Flugzeug und nur rund 2.500 Kilometer per Zug zurück. Kurze Reisen nach Barcelona, London oder Kopenhagen sind zur Routine geworden.
Die Zahl der Passagiere an den Schweizer Flughäfen Zürich, Genf und Basel stieg im Linien- und Charterverkehr auf 60 Millionen im Jahr 2025 – ein Anstieg um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Emissionen des Luftverkehrs beliefen sich 2023 auf knapp fünf Millionen Tonnen CO2, was 11 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen ausmacht. Diese Emissionen sind in großer Höhe bis zu dreimal so schädlich für das Klima. Der Flugverkehr machte im Jahr 2019 etwa 27 Prozent der Gesamtemissionen aus – mehr als jeder andere Sektor.
Das neue Volksbegehren, bei dem ab Ende April Unterschriften gesammelt werden sollen, zielt darauf ab, eine Abgabe auf Flugtickets einzuführen: mindestens 30 Franken für Kurzstreckenflüge und mehr für Langstrecken, basierend auf dem Verursacherprinzip. Für Privatjets soll die Gebühr bei mindestens 500 Franken liegen. Die Einnahmen von geschätzten jährlich rund 1,5 Milliarden Franken sollen hauptsächlich an die Bevölkerung zurückgegeben und den öffentlichen Verkehr unterstützen.
Die Mobilitätsbon-Initiative wurde vom Verein Umverkehr gestartet. Co-Präsidentin Franziska Ryser betont: “Der Flugverkehr trägt heute am meisten zur Klimabelastung der Schweiz bei und benötigt dringend neue Maßnahmen.” Sie kritisiert die staatliche Förderung des Fliegens durch fehlende Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer auf Kerosin. “Mit der Einführung einer Flugticketabgabe wollen wir diese Marktverzerrung korrigieren”, erklärt Ryser.
Laut Ryser würden rund 90 Prozent der Bevölkerung finanziell von dieser Abgabe profitieren, da mindestens zwei Drittel der Einnahmen – etwa eine Milliarde Franken – direkt ausgezahlt werden sollen. Jede Person würde pro Jahr 110 Franken in Form von Gutscheinen für Bahn und Bus erhalten. Der Rest soll vor allem den internationalen Schienenverkehr unterstützen.
Für eine vierköpfige Familie, die einmal im Jahr nach Mallorca fliegt, wäre dies vorteilhaft: Sie müsste zwar 120 Franken bezahlen, erhielte aber insgesamt 440 Franken an Mobilitätsgutscheinen. Die Initianten stützen sich auf Daten des Bundes und gehen von einer positiven Bilanz für den Haushalt aus. Für Vielflieger sieht es dagegen weniger günstig aus.
Das Parlament lehnte bisher Vorstöße zur Besteuerung ab, wobei Verkehrsminister Albert Rösti eine Einzelinitiative der Schweiz ablehnt, um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden. Die Initiative wird von mehreren Parteien und nicht nur links-grünen Gruppierungen unterstützt. Auch Professor Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen befürwortet das Vorhaben: “Beim Fliegen sind die Kosten für Klima und Umwelt heute nicht eingepreist.”, sagt er. Je nach Ausgestaltung könne eine hohe Abgabe einen signifikanten Klimaeffekt haben. Für den Ausstieg aus dem Flugzeug zugunsten der Bahn sieht Wüstenhagen gute Chancen, insbesondere wenn in Schienenverkehr investiert wird.
Die genaue Höhe einer solchen Abgabe zur Deckung der realen Klimakosten des Fliegens ist umstritten. Je nach Diskontierungsfaktor variieren die Berechnungen stark. Aktuelle Studien veranschlagen den Preis für CO2 in Europa auf etwa 70 Franken pro Tonne, während US-Studien höhere gesellschaftliche Kosten schätzen.