Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), äußert sich zur globalen wirtschaftlichen Reaktion auf den Iran-Konflikt. Er prognostiziert anhaltende Flugausfälle und Störungen in den Lieferketten sowie ein verstärktes Interesse am Aufbau neuer Kernkraftwerke.
Die IEA wurde nach der Ölkrise von 1973 ins Leben gerufen, um zukünftige Energieengpässe besser zu bewältigen. Im Zuge des aktuellen Konflikts sind die Mechanismen der Organisation entscheidend für die Milderung der wirtschaftlichen Auswirkungen.
Seit über einem Jahrzehnt leitet Birol, ein türkischer Ökonom, die IEA und gilt als einer der einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit. In einem Telefonat mit der NZZ spricht er über die aktuelle Lage.
Birol sieht die Blockade der Straße von Hormuz als eine der größten Bedrohungen für die Energiesicherheit. Trotz des kurzfristigen Rückgangs der Ölpreise warnt er vor den langfristigen Konsequenzen einer dauerhaften Sperrung, die zu deutlich höheren Energiekosten führen würde.
Er geht davon aus, dass erhöhte Preise globale Inflationsschübe verursachen werden, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern. Flugausfälle und eine Dieselknappheit könnten die Industrie beeinträchtigen.
Birol vergleicht die aktuellen Lieferkettenprobleme mit jenen während der Pandemie. Neben Öl und Gas sind auch Düngemittel und andere Rohstoffe betroffen, was erhebliche Auswirkungen auf verschiedene Sektoren haben könnte.
Im März wurden 400 Millionen Barrel Öl aus den Notreserven freigegeben – die größte Freigabe in der Geschichte der IEA. Birol betont, dass noch weitere Maßnahmen möglich sind, falls erforderlich.
Die Situation um die Straße von Hormuz verschärft sich durch die faktische Blockade durch die USA. Eine Wiedereröffnung wäre entscheidend, da kurzfristige Lösungen nur temporäre Entlastung bieten.
Birol warnt vor den Risiken, sollte Iran Gebühren für die Durchfahrt erheben. Er appelliert an alle Länder, internationale Seeverkehrsregeln zu respektieren und am Prinzip des freien Handels festzuhalten.
Die Zerstörung von Energieinfrastrukturen in der Golfregion ist schwerwiegend: Mehr als 80 Anlagen wurden beschädigt. Die Wiederherstellung dauert voraussichtlich Jahre, bis das Vorkriegsniveau erreicht wird.
Als langfristige Lösungen empfiehlt Birol Diversifikation und eine verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien sowie ein Comeback der Kernenergie. Die Abhängigkeit von Ölstaaten sollte vermieden werden, um nicht in neue Abhängigkeiten zu geraten.
Kurzfristig könnte dies bedeuten, dass einige Länder auf Kohle zurückgreifen, während die Gasindustrie ihre Position als verlässliche Energiequelle stärken muss. Erneuerbare Energien könnten ebenfalls eine wachsende Rolle spielen.