In der Schweiz nimmt die Teilnahme von Aktionären an physischen Generalversammlungen ab, was Firmen zu kreativen Lösungen zwingt. Jedes Jahr im April zieht es Tausende zur Zürcher Bahnhofstrasse, getragen von dunkelblauen Koffern der Lindt-&-Sprüngli-Aktionäre – darin vier Kilogramm Schokolade als Ausdruck des Firmenstolzes. Diese “Naturaldividenden” sind eine Idee von Verwaltungsratspräsident Ernst Tanner, der vor 33 Jahren das “Bhaltis” einführte, um die Bindung zu Kleinaktionären zu stärken und Marketing zu betreiben.
Trotz eines Aktienkurses von 105.000 Franken ist der Wert des Schokolade-Koffers mit etwa 180 Franken nur rund 0,17 Prozent der Investition wert. Die finanzielle Dividende liegt bei 1.800 Franken pro Namenaktie, was zehnmal mehr ist als die Schokoladendividende. Der psychologische Effekt ist jedoch entscheidend: Das Tragen des Koffers signalisiert den Besitz einer hochwertigen Investition.
Daten von Swipra zeigen einen Rückgang der Aktionärspräsenz seit der Pandemie – von 730 auf rund 660 Teilnehmer bei den 100 größten Schweizer Unternehmen. Großkonzerne wie Nestlé verzeichnen signifikante Einbrüche: Von 2.850 im Jahr 2016 auf nur noch 1.150 Aktionäre.
Während viele Firmen zu physischen oder hybriden Veranstaltungen zurückkehren, ziehen Unternehmen wie die Swatch Group und Barry Callebaut das reine Online-Format vor. Die Bedeutung der Präsenz-GV wird von Aktionärsvertretern betont – Vinzenz Mathys von Ethos sieht sie als zentral für eine funktionierende Aktionärsdemokratie.
Im Zürcher Kongresshaus stehen Tanner und Konzernchef Lechner kritischen Fragen gegenüber, die von ökologischer Verantwortung bis hin zu Produktstrategien reichen. Die GV fungiert als Forum für direkte Diskussionen zwischen Aktionären und Firmenführung.
Kantonalbanken wie die St. Galler (4.300) oder Zuger Kantonalbank (2.200) zeigen hohe Teilnehmerzahlen, bedingt durch lokale Verbundenheit. Lindt & Sprüngli bleibt innovativ: Neben der Schokolade gab es bereits exklusive Präsente wie Mützen und Treffen mit Markenbotschafter Roger Federer.
Um Aktionäre anzuziehen, sind solche kreativen Ansätze gefragt – ein Vorbild, das andere Firmenchefs womöglich beherzigen sollten.