Das Jahr 2027 verspricht der FDP sowohl auf nationaler als auch kantonaler Ebene spannende Möglichkeiten. Doch insbesondere in Zürich könnte die Partei durch defaitistische Tendenzen Chancen verpassen. Bei den kommenden Wahlen besteht für die Zürcher FDP die Gelegenheit, einen Sitz zurückzugewinnen, der sieben Jahre zuvor verloren ging. Stattdessen tritt die Partei mit nur einem Kandidaten an: Nationalrat Andri Sidler soll den Posten der scheidenden Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh übernehmen. Das bescheidene Ziel des Zürcher Freisinns, vertreten durch Präsident Filippo Leutenegger, ist es, den Status quo zu erhalten und keine Amtsinhaberin zu verlieren. Dies ist besonders bedenklich, da drei bis fünf Sitze frei werden könnten – eine Chance für die Partei mit 16 Prozent Wähleranteil. Die Zurückhaltung der Zürcher FDP gefährdet nicht nur ihre eigenen Chancen, sondern auch die bürgerliche Mehrheit in der Kantonsregierung. Aktuell halten SVP, FDP und Mitte vier von sieben Sitzen, doch nur einer wird wahrscheinlich verteidigt werden können. Die nationale Mutterpartei zeigt sich besorgt über den Defätismus in Zürich, insbesondere da 2027 ein Superwahljahr ist. In anderen Kantonen wie Luzern und der Waadt sowie auf nationaler Ebene stehen Wahlen an. Die Zurückhaltung in Zürich sendet jedoch kein Signal des Aufbruchs. Ein Vergleich mit Bern zeigt, dass eine aggressive Strategie erfolgreich sein kann: Dort verteidigten die Bürgerlichen vier ihrer Sitze und drohten der SP einen zu entziehen. Der aktuelle Trend zeigt, dass etatistische Kräfte an den politischen Flügeln dominieren: Die SP links und die SVP rechts, beide mit Forderungen nach Subventionen für ihre Wählerschaft. Die FDP bleibt einzig dem Liberalismus treu, kämpft aber gegen interne Unklarheiten. In Zürich wurde der Staatsapparat in den letzten Jahren massiv ausgebaut, und bürgerliche Kräfte unterstützen staatlich kontrollierte Unternehmen wie Flughafen und Kantonalbank. Das nationale Co-Präsidium scheint ebenfalls ziellos mit Botschaften wie „Löhne schwächen: Nicht mit uns!“ oder „Es reicht!“. Ein klarer Kurs fehlt, während die FDP sich in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen und liberalen Prinzipien befindet. Die Polparteien SVP und SP können der FDP als Vorbild dienen – nicht inhaltlich, aber in ihrer klaren Botschaft. Die SVP hat es geschafft, Themen wie Wohnen zu besetzen, während die FDP technokratische Lösungen vorschlägt. Die Zürcher und nationale FDP sollten ihre Zurückhaltung überwinden und selbstbewusst liberal auftreten. Obwohl wahre Liberale nur einen kleinen Teil der Wählerschaft ausmachen, kann eine klare Positionierung Erfolge bringen. Die Freisinnigen haben bereits in Zürich im Parlament gewonnen und in kleineren Gemeinden Exekutivsitze erobert. Die FDP muss ihrem liberalen Kern treu bleiben, um langfristig erfolgreich zu sein. Viele Wähler sind unzufrieden mit Parteien, die ihnen vorschreiben wollen, was sie denken sollen. Die FDP könnte diese Menschen gewinnen, indem sie sich als bürgerliche Partei der liberalen Vernunft positioniert. Es braucht nun mehr Mut – vor allem in Zürich.