In Edinburghs Innenstadt schallt es laut von den Plätzen des Calton Hill: «Was wollen wir?», ruft eine Frau. Die Menge antwortet mit «Unabhängigkeit!». Tausende versammeln sich am Samstag, um für einen selbstständigen Staat zu demonstrieren, schwenken die schottischen Flaggen und rufen Slogans wie «End the London rule» aus. Dieser Protest zeigt die Aufbruchsstimmung zwölf Jahre nach dem Referendum von 2014. Die Scottish National Party (SNP), die für die Unabhängigkeit steht, könnte bei den Wahlen zum Regionalparlament am 7. Mai mit etwa 35 Prozent der Stimmen stärkste Partei werden. In einer Koalition mit den Grünen würde sie genug Sitze haben, um ein zweites Referendum zu fordern.
Die Demonstration unterscheidet sich von anderen nationalistischen Kundgebungen: Es gibt keine aggressive Rhetorik gegen England oder andere Nichtschotten und kaum nationalistische Slogans in schottischen Städten. Ava Birkett, eine 19-jährige Politologie-Studentin aus Glasgow, beschreibt die Bewegung als zivile Unabhängigkeitsbewegung, offen für alle Schotten unabhängig von Herkunft und Hintergrund.
Lesley Riddoch, eine bekannte Journalistin, kritisiert den Brexit und betont den Wunsch, Teil der EU zu bleiben. Der schottische Nationalismus ist kosmopolitisch ausgerichtet, nicht insular wie Grossbritannien. Alan Rubin Castejón, Präsident der Glasgow University Scottish Nationalist Association (Gusna), betont, dass die Bewegung keinen ethnischen Exzeptionalismus verfolgt.
Der Soziologe David McCrone erklärt, dass Schottland sich als Willensnation sieht, ähnlich wie die Schweiz, und weniger um kulturelle Identität geht es. Er hebt hervor, dass viele Schotten sowohl als Briten als auch als Schotten fühlen.
Laut Umfragen sind 15 Prozent der Schotten Unionisten, während etwa 45 Prozent für einen eigenen Staat eintreten. Die restlichen 40 Prozent befinden sich in einem fluiden Spektrum und interessieren sich mehr für die Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft und Eigenständigkeit als für sofortige Unabhängigkeit.
McCrone, der das Thema seit Jahrzehnten verfolgt, ist überzeugt: «Die Unabhängigkeit wird früher oder später kommen», meint er mit Blick auf die Zukunft. Die schottische Identität ist komplex und vielschichtig, geprägt durch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu einem selbstbestimmten Land.