In ihrem dritten Roman “Ilaria” schildert Gabriella Zalapì mit großer Intensität das Schicksal eines Mädchens, das von seinem Vater entführt wird. Die achtjährige Ilaria verlässt ihre Heimat Genf mit dem Vater im Auto und begibt sich auf eine Irrfahrt durch Italien, die sich als Entführung herausstellt. Ihr Vater plant, seine Frau zu erpressen, doch der Plan scheitert.
Ilaria nimmt alles genau wahr: die Ledersitze im Wagen, in denen sie Stunden verbringt; die Pausen an Autogrills und kleinen Bars; die fremden Zimmer und neue Kleider ihres Vaters. Doch das ständige Telefonieren des Vaters sowie seine nervösen Ausbrüche lassen ihr Unbehagen wachsen. In einem Gespräch mit ihrem Verlag erwähnt Zalapì, dass der Roman in einer schlaflosen Nacht entstand, inspiriert von Rilkes Rat, nur das zu schreiben, was niemand sonst kann.
Der Roman erfasst die Stimmung der “anni di piombo”, indem Radio-Nachrichten über Mordfälle wie den des Staatsanwalts Mario Amato einbezogen werden. Ilarias Welt wird geprägt von Loyalität und Furcht gegenüber ihrem Vater, dem sie trotz Misstrauens vertraut.
Zalapìs Schreibstil ist lakonisch und konzentriert sich auf Gesten und Gegenstände, die die kindliche Wahrnehmung lebendig machen. Diese Erzählintensität schöpft aus persönlichen Erfahrungen der Autorin selbst, die als Kind entführt wurde. Dennoch betont Zalapì, dass es sich um einen Roman handelt, nicht um autobiografisches Schreiben.
★★★★★Gabriella Zalapì: Ilaria. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. Suhrkamp 2026. 162 S.