Empörung in Kanada nach einem tödlichen Unfall, bei dem der Airline-Chef Michael Rousseau nur auf Englisch kondolierte. Auch in der Schweiz wäre eine ähnliche Reaktion möglich, meint Sprachforscher Raphael Berthele. In der vergangenen Woche kollidierte ein Flugzeug von Air Canada am New Yorker LaGuardia-Flughafen mit einem Feuerwehrwagen. Dabei verloren zwei Piloten ihr Leben, darunter ein Mann aus Quebec. Montreal ist die größte Stadt dieser Provinz und gleichzeitig der Sitz von Air Canada. Kurz nach dem Unglück äußerte sich Michael Rousseau in einer Videobotschaft auf sozialen Medien. Er sprach den Hinterbliebenen sein Beileid aus, jedoch ausschließlich auf Englisch. Das rief Empörung hervor, da er trotz seines französisch klingenden Namens nur ein „Bonjour“ und „Merci“ in Französisch sagte. Kanadische Politiker äußerten scharfe Kritik. Der Parlamentsausschuss für Amtssprachen lud Rousseau nach Ottawa zur Erklärung ein. Premierminister Mark Carney zeigte sich enttäuscht und bemängelte mangelndes Urteilsvermögen sowie Mitgefühl. François Legault, der Premier von Quebec, forderte sogar seinen Rücktritt. Dieser kam nun zustande. Rousseau entschuldigte sich später schriftlich in beiden Landessprachen für seine unzureichenden Französischkenntnisse und versprach, daran zu arbeiten. Der Druck wurde jedoch zu groß, sodass er Ende September zurücktritt. Sprachforscher Raphael Berthele sieht Parallelen für die Schweiz: „Auch hierzulande wäre bei emotionalen Ereignissen eine ähnliche Reaktion denkbar“, sagt der Co-Gründer des Instituts für Mehrsprachigkeit an der Universität Fribourg. Beispielweise würde ein deutschsprachiger CEO der SBB nach einem Zugunglück in Lausanne auf Französisch schweigen, wäre wohl nicht gut aufgenommen. Ob die Swiss ähnliche Reaktionen erleben würde, ist laut Berthele fraglich: „Seit sie zur Lufthansa-Gruppe gehört, wird sie in der Westschweiz kaum mehr als nationale Fluggesellschaft gesehen“, so der Experte. Der Genfer Flughafen habe an Bedeutung verloren und die Geschäftsleitung besteht zu drei Vierteln aus Deutschen ohne Französischkenntnisse. Berthele bemerkt, dass die Zweisprachigkeit in Kanada stärker aufgeladen ist als in der Schweiz. Dies könnte daran liegen, dass hier vier Landessprachen zusammenkommen, während die französische Minderheit in Kanada von der englischen Mehrheit umgeben ist. In der Deutschschweiz wird häufig unterschätzt, wie emotional das Thema Sprache in der Westschweiz besetzt ist. Lange wurde angenommen, dass Französisch trotz geringer Beliebtheit als Schulfach hohes Prestige genieße. Doch die Debatte um den Unterrichtsinhalt Frühfranzösisch zeigt das Gegenteil. Air Canada hat Konsequenzen aus dem Skandal gezogen und kündigt an, dass der Nachfolger von Rousseau auch Französisch sprechen können soll.