Karl Marx warnte eindringlich vor der Ausbeutung von Arbeitern durch den Kapitalismus. Diese Kritik findet besondere Resonanz in China, wo die Lohnkosten ein brisantes Thema sind und deren Folgen weltweit spürbar werden.
Mit der Wirtschaftsliberalisierung zu Beginn der 1980er Jahre erlebten chinesische Arbeiter einen signifikanten Einkommensanstieg, was den Beginn einer beispiellosen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte markierte. Hunderte Millionen Menschen konnten dem Elend entfliehen.
Trotz dieser beeindruckenden Entwicklung zeigte sich Deng Liqun, ein prominenter Funktionär der Kommunistischen Partei, besorgt über die steigende Anzahl von Arbeitern in großen privaten Betrieben und erinnerte an Marx’ Warnungen vor der Ausbeutung des Proletariats. Seine Warnungen wurden zwar ignoriert, doch vier Jahrzehnte später erscheinen sie prophetisch.
Die Lage chinesischer Arbeiter hat sich seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 verschlechtert. Obwohl das allgemeine Einkommen und der Lebensstandard erheblich gestiegen sind, haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keine vergleichbaren Lohnerhöhungen erfahren.
Diese Situation hat weitreichende Folgen: China ist aufgrund seiner niedrigen Lohnkosten extrem wettbewerbsfähig in der Exportwirtschaft, leidet jedoch unter einem schwachen Konsum. Der Druck auf die Löhne führt zu Preiskriegen und Deflation und behindert den Aufbau einer prosperierenden Mittelschicht.
Laut UN-Daten erhielten chinesische Produktionsarbeiter 2016 nur 4 Prozent des Umsatzes – einen der niedrigsten Anteile weltweit. Im Vergleich lag Indien bei 5 Prozent und die USA sogar bei 12 Prozent, obwohl Letztere nicht für arbeitnehmerfreundliche Bedingungen bekannt sind.
Neben den geringen Löhnen leiden chinesische Arbeiter unter schlechten Arbeitsbedingungen. So verklagten brasilianische Behörden 2025 eine Tochtergesellschaft des chinesischen Elektroautoherstellers BYD wegen Verstößen gegen das Arbeitsrecht.
Chinas Praxis, Arbeiter zu unterbezahlen, ist ein Grund für seine dominierende Stellung in der Industrieproduktion. Die niedrigen Löhne tragen dazu bei, die Kapitalkosten im Land gering zu halten und Investitionen in neue Infrastrukturen zu finanzieren.
Obwohl China eine hohe Produktivität aufweist, ist diese nicht besonders effizient gemessen am BIP pro Arbeitsstunde. Die Wirtschaft basiert vielmehr auf Skaleneffekten und längeren Arbeitszeiten.
Deng Liquns Sorge vor der Ausbeutung durch den freien Marktkapitalismus wurde von staatlicher Kontrolle übertroffen. Seit Mitte der 1990er Jahre legen lokale Regierungen Lohnrichtlinien fest, die oft das Lohnwachstum unter dem Produktivitätszuwachs halten.
Die jahrzehntelange Unterentwicklung von Löhnen ist bis heute spürbar. Die aktuelle wirtschaftliche Verlangsamung und hohe Jugendarbeitslosigkeit erschweren es chinesischen Unternehmen, bessere Bezahlungen zu leisten.
Marx hatte eine „Epidemie der Überproduktion“ vorhergesagt, die China durch globale Nachfrage vermied. Doch nur ein Bruchteil des globalen Konsums wird in China getätigt. Der Lohndruck ermöglicht es Peking, auf beiden Seiten der Einkommensskala wettbewerbsfähig zu bleiben.
Schließlich schadet der Lohndruck auch der Binnenwirtschaft: Niedrige Löhne führen zu einer chronischen Deflation und übermäßiger Kapitalakkumulation ohne entsprechende Nachfrage. Im Gegensatz dazu haben westliche Länder die Bedeutung von Arbeitern als Konsumenten erkannt und die Löhne erhöht, um die Konsumnachfrage anzukurbeln.
China könnte sich am Beispiel Henry Fords orientieren, der die Arbeiterlöhne erhöhte, damit diese seine Produkte kaufen konnten. Durch höhere Mindestlöhne oder den Abbau von Obergrenzen für Lohnerhöhungen könnte China eine prosperierende Mittelschicht fördern und so das Wirtschaftswunder seiner Bevölkerung zugänglich machen.