In seiner fesselnden Autobiografie erzählt Chris Blackwell, der Island Records 1959 gründete, von seinen musikalischen Erfolgen in Jamaika und Großbritannien. Ursprünglich begann seine Karriere mit dem Vertrieb von Jukeboxes in Jamaika Ende der 1950er Jahre und durch das Befüllen dieser Geräte mit aktuellen Singles lernte er die Vorlieben sowohl der weißen als auch der schwarzen Bevölkerung kennen.
Geboren 1937 in London, wuchs Blackwell als Kind einer wohlhabenden anglo-jamaikanischen Familie auf. Die Villa seiner Eltern war ein Treffpunkt für Persönlichkeiten wie Errol Flynn und Ian Fleming. Im Alter von 18 Jahren änderte sich sein Leben dramatisch durch die Rettung durch einen Anhänger des Rastafari-Glaubens, nachdem er an einem Mangrovenstrand gestrandet war.
Der Titel seiner Biografie, “Als die Boxen in den Bäumen hingen”, bezieht sich auf die einzigartige jamaikanische Musikkultur. Musik wurde oft durch Jukeboxes oder Soundsystems genossen, da nicht jeder über Radios verfügte. Diese Soundsysteme bestanden aus selbstgebauten Anlagen und wurden von den innovativen Produzenten Duke Reid und Coxsone Dodd vorangetrieben.
Als Teil der Vertreter für amerikanische Musik sorgte Blackwell bald für lokale Plattenproduktionen, was zum Aufstieg von Island Records 1959 führte. Die Anfänge des Ska und später des Reggae entstanden aus einer Verschiebung im Rhythmus amerikanischer Vorbilder.
Trotz seiner britischen Herkunft überwand Blackwell soziale Barrieren mit einem Ansatz, der Freundlichkeit und Understatement betonte. Seine Beziehung zu Musikerinnen wie dem Jazztrompeter Miles Davis zeigte seine Offenheit für kulturelle Brücken. Nach Jamaikas Unabhängigkeit zog er nach London und förderte dort Rock-, Blues- und Folk-Musiker, darunter Steve Winwood.
Finanziell unabhängig investierte Blackwell in Talente wie Nick Drake, dessen Anerkennung sich erst posthum durch einen Werbespot einstellte. Island Records fand auch kommerziellen Erfolg mit U2 und konnte 1989 an Polygram verkauft werden.
Seine Leidenschaft für jamaikanische Musik blieb bestehen, was sich in seinem musikalischen Geschmack widerspiegelte. Millie Small’s Hit “My Boy Lollipop” war der erste Erfolg von Island Records, doch erst mit Bob Marley gelang es Blackwell, Reggae international populär zu machen.
1972 präsentierte er The Wailers in London als schwarze Rockband, ein Konzept, das sich bewährte und Marleys Karriere zum Weltruhm führte. Trotz Legenden über seine Entdeckung betont Blackwell, dass es eher umgekehrt war: “Er entdeckte eher mich.”
Chris Blackwell: Als die Boxen in den Bäumen hingen. Die unglaubliche Geschichte von Island Records. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 368 S., Fr. 41.90.