Otto Warburg, ein herausragender Krebsforscher, genoss in Nazi-Deutschland den Status eines unentbehrlichen Sonderfalls. Trotz der NS-Machtergreifung setzte er seine Arbeit bis zum Kriegsende fort, was Sam Apple in seiner Studie „Der Kaiser von Dahlem“ beleuchtet.
Nach dem Erhalt des Nobelpreises 1931 zeigte Warburg stets Selbstbewusstsein und Widerstandsfähigkeit. Als ein Zollbeamter 1934 seinen Ariernachweis forderte, reagierte er entschlossen mit dessen Vertreibung aus seinem Institut in Berlin. Sein Assistent Jacob Heiss, vermutlich sein Lebensgefährte, kritisierte den Beamten für seine unangenehmen Eigenschaften.
Sam Apple beschreibt Warburgs Leben und Werk als Spiegelbild einer Ära. Warburg wurde 1883 in Freiburg geboren und war mit dem renommierten Physiker Emil Warburg verwandt, der zum Protestantismus konvertiert hatte. Trotz seiner jüdischen Wurzeln identifizierte sich Otto selbst kaum als Jude, doch Deutschland tat dies für ihn.
Ein Meilenstein in Warburgs Karriere war die Gründung des Instituts für Zellphysiologie im Berliner Vorort Dahlem 1911. Mit knapp dreißig Jahren leitete er das Institut und zeigte eine preußische Strenge, die einige Mitarbeiter mit seiner Kriegserfahrung in Verbindung brachten.
Dahlem war damals ein Zentrum der Wissenschaft mit einer hohen Dichte an Nobelpreisträgern. Warburg galt als Hoffnungsträger in der Krebsforschung und faszinierte führende Nazis wie Hitler, Goebbels und Himmler durch sein Fachwissen.
Trotz seines Status passte sich Warburg dem NS-Staat nicht an: Er untersagte das Zeigen von Hakenkreuzen und verweigerte den Hitlergruß. Nach einem Vorstoß der Nationalsozialisten, ihn 1941 zu entlassen, wurde er durch Ferdinand Sauerbruch und Walter Schoeller gerettet.
Warburg überlegte heimlich, Deutschland zu verlassen, blieb jedoch als Aushängeschild des NS-Staates. Seine Verzweiflung nahm zu, da er sich von seinen Mitarbeitern verraten fühlte. Als das Kriegsende näher rückte, evakuierten die Nazis sein Institut.
Sam Apple zeichnet ein Bild eines kontroversen Charakters: Warburg war selbstbewusst und unbelehrbar, aber auch hochintelligent. Seine Schwester Lotte beschrieb ihn 1932 als selbstzufrieden und rau.
Nach dem Krieg wurde er bei einer Dinnerparty in den USA gefragt, warum er nicht emigriert sei. Apple schildert die Szene kritisch: Warburgs Antwort galt der Schutz seiner Mitarbeiter.
Apple versucht, Warburg als modernen Faust darzustellen – ein Wissenschaftler, der bereit war, Kompromisse einzugehen. Doch dieser Ansatz bleibt unvollständig und wirkt unscharf.
Das Buch beleuchtet die Verbindung zwischen wissenschaftlichem Erfolg jüdischer Forscher und NS-Ideologie. Apple erklärt komplexe Biochemie verständlich, auch wenn er manchmal zu spekulativen Thesen greift.
Insgesamt bietet „Der Kaiser von Dahlem“ eine faszinierende Reise in die Wissenschaftswelt des frühen 20. Jahrhunderts und beleuchtet damit eine komplexe Epoche.