Der Anstieg von Gewalt auf allen Ebenen – sei es zwischenmenschlich, sozial oder politisch – stellt zunehmend die Fairness des Rechtssystems infrage. Dieses wurde konzipiert, um Willkür und vorschnelle Verurteilungen ohne gerechte Prozesse zu verhindern und das archaische Gesetz der Rache abzulösen. Nur durch gründliche strafrechtliche Untersuchungen und Gerichtsverfahren, die Beweise akribisch prüfen, kann dem Aufkommen einer standrechtlichen Gerechtigkeit entgegengewirkt werden, welche jedoch wieder an Boden gewinnt.
Medien und soziale Netzwerke fördern häufig eine verzerrte Wahrnehmung von Fakten, schüren Hass und Rachegefühle und übernehmen die Rolle digitaler Volksgerichte. Die Instrumentalisierung der Opfer, um Aufmerksamkeit zu erlangen, führt oft zur faktischen Schuldvermutung, was dem Grundsatz der Unschuldsvermutung im Strafrecht widerspricht.
Verzerrte Darstellungen und die Emotionalisierung öffentlicher Diskussionen erhöhen den Druck auf das Justizsystem erheblich. Ihre Aufgabe ist es, Konflikte in rechtsstaatlichen Verfahren zu klären, während sie die Grundrechte aller Beteiligten wahren muss – sowohl der Opfer als auch der Angeklagten und sogar der Verurteilten.
Im Kontext stark mediatisierter Prozesse ist der Druck, den die Medien auf das Justizsystem ausüben, deutlich gestiegen. Oft fordern Opfer exemplarische Strafen, die über persönliche Entschädigungen hinausgehen und einem Verständnis für Vergeltung entsprechen, welches jedoch unvereinbar mit rechtsstaatlichen Prinzipien ist.
Unter dem Einfluss der öffentlichen Meinung haben viele Gesetzgebende Körperschaften auf diese Forderungen mit einer Verschärfung des Strafrechts reagiert, wie anhand der strengeren Strassenverkehrsordnung ersichtlich wird. Dies suggeriert oft, dass härtere Strafen und eine «Nulltoleranz»-Politik populistischen Motiven folgen, statt einer differenzierten juristischen Analyse.
Regierungen stehen zunehmend unter dem Druck gesellschaftlicher Forderungen nach Repression, was sich beispielsweise im Bereich geschlechtsspezifischer Übergriffe zeigt. Männer werden pauschal unter Generalverdacht gestellt und als Vertreter des «Patriarchats» betrachtet, was zu gesetzlichen Verschärfungen führen kann.
Ein weiteres Beispiel ist die Migrationspolitik, in der widersprüchliche Erwartungen bestehen: Die einen verlangen strengere Regeln wegen Unsicherheitsgefühlen, während andere unbedingte Achtung der Grundrechte für Zugewanderte fordern, gestützt auf Urteile internationaler Instanzen.
Ähnliche Dynamiken zeigen sich in Bewegungen wie #MeToo oder bei Klima- und Antikolonialaktivisten. Diese Gruppen rechtfertigen Regelverstöße oder Gewalt mit Verweis auf vergangenes, gegenwärtiges oder drohendes Unrecht.
Wenn das Rechtssystem dem Druck öffentlicher Meinungen nachgibt, leidet ein wesentliches Prinzip des modernen Rechtsstaats: die ausgewogene Garantie eines für alle geltenden Rechtssystems. Diese Erosion ist besonders problematisch in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Konflikte auf allen Ebenen.