Im Zuge der juristischen Untersuchungen der Brandkatastrophe in Crans-Montana wird zunehmend Druck auf die Justiz ausgeübt, was Vorverurteilungen während laufender Verfahren zur Folge hat. Christoph Ill, Präsident der Schweizerischen Staatsanwaltschaftskonferenz und erster Staatsanwalt des Kantons St. Gallen bis Dezember 2026, sieht diese Entwicklung mit Besorgnis. Er äußerte in einem Interview mit SRF News: «Es scheinen rechtsstaatliche Dämme zu brechen, und der Populismus scheint sich über das Funktionieren des Rechtsstaates stellen zu wollen.»
Ills Bedenken wurden durch die Reaktion Italiens verstärkt, als dessen Botschafter in der Schweiz abberufen wurde nach der Haftentlassung eines Hauptverdächtigen im Verfahren; ein formeller Schritt, wenn keine Haftgründe mehr bestehen. Diese Maßnahme zeige eine Missachtung für normale juristische Abläufe.
Die Warnungen richten sich auch an die Politik, die bei spektakulären Ereignissen oft sofort Hilfe verspricht, was unvorhergesehene Probleme in zukünftigen ähnlichen Fällen schaffen kann. Ein Beispiel hierfür ist die Postauto-Tragödie von Kerzers, die Fragen nach Ungleichbehandlung aufwarf.
Ill betont, dass der Untersuchungsteil eines Strafverfahrens nicht öffentlich sein muss und unter Amtsgeheimnis steht. Die Herausgabe von Informationen durch Beteiligte kann zu verzerrten Wahrnehmungen führen. Er rät davon ab, dass auch die Staatsanwaltschaft alle Informationen veröffentlicht. Transparenz ist im Gerichtsverfahren möglich, das der Öffentlichkeit Einblick in die Verfahrensschritte bietet.
Der Druck auf die Justiz, schnell Schuldige zu identifizieren, hat mit den Informationsplattformen zugenommen. Ill wünscht sich von den Medien eine intensivere Recherche über rechtsstaatliche Prozesse. Im Fall Crans-Montana sei beispielsweise die Frage der Befangenheit in Wallis aufgekommen, ohne dass sich jemand mit dem rechtlichen Kontext auseinandersetzte.
Ill fordert eine bessere Aufklärung über den Strafprozess von Seiten der Justiz, um das Verständnis innerhalb der Öffentlichkeit zu verbessern. Matthias Kündig führte das Gespräch.