Unser Wochenendausflug in die Berge sollte ein Abenteuer werden. Wir waren auf Wölfe, Bären und Wildschweine vorbereitet – aber nicht auf Waldameisen. Die Kolumne «Wild und wundersam». Unser Ziel war es, uns im Bergwald südlich des Walensees einzurichten: Hängematten, Wasser aus einem Bach und eine sechs Kilogramm schwere Schweinshaxe vom Metzger. Wir hatten mit gefährlichen Tieren gerechnet – nur nicht mit diesen kleinen, aber nervigen Insekten. Die Ameisen beißen mit ihren Mandibeln die Haut auf und injizieren Ameisensäure – ein unangenehmes Gefühl ähnlich einem Wespenstich. «Mistvieh!» Klatsch. Später erkannten wir, dass unser Lager direkt in der Mitte eines gewaltigen Ameisenstaates stand. Der gesamte Hügel und vielleicht sogar der ganze Wald bis hinunter zum Walensee gehörte zu einer einzigen Kolonie. «Aua! Verdammter Mist!» Klatsch. Die Ameisen waren überall: in unseren Schuhen, auf unserem Sandwich, in der Kaffeekanne und natürlich in der Hängematte. Wir wussten damals nicht, dass wir einem biologischen Wunder begegnet waren. Denn dieser riesige Staat wird von vielen Königinnen beherrscht – ein Phänomen namens Polygynie. In jedem Nest legen mehrere Königinnen Eier. Die daraus schlüpfenden Arbeiterinnen verhalten sich nicht feindselig zueinander, sondern wie Geschwister. Noch beeindruckender ist, dass benachbarte Nester sich nicht bekriegen, sondern sich zu einem Staatenbund vereinen – vergleichbar mit der Europäischen Union, aber effizienter. Wie sie im Laufe der Evolution ihre Feindseligkeit gegenüber ihrer eigenen Spezies verloren haben, bleibt eines der großen Rätsel in der Biologie. Ein Grund könnte ihr Geruchssinn sein: Ameisen erkennen ihre Nestzugehörigkeit am Körpergeruch. Bei Waldameisen wird dieser sehr großzügig interpretiert – «Du bist trotz unterschiedlichen Duftes willkommen». Ein weiterer Faktor ist das gegenseitige Füttern, wodurch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Forscher versuchen derzeit die genetische Basis dieses Verhaltens zu entschlüsseln. Über das gesamte Erbgut der Waldameisen verteilt wurden spezifische Bereiche identifiziert, welche das Sozialverhalten steuern. Diese werden als «Super-Gen» bezeichnet – quasi ein Programm im Programm, mit einem Selbsterhaltungstrieb. Königinnen, die nur eine Kopie dieses Gens besitzen, sterben früher als solche mit beiden Kopien. Eine Forschungsgruppe stellte in einer Studie über polygyne Ameisen die Frage: «Woher kommen sie, was sind sie und wohin gehen sie?» fast so, als würden sie über auf der Erde gestrandete Außerirdische forschen. Die Friedfertigkeit erstreckt sich jedoch nicht über die Artgrenze hinaus. Aus diesem Grund brachen wir nach einer Nacht unser Lager ab, rollten unsere Hängematten im Morgengrauen zusammen und flüchteten zurück ins Tal. Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Er lebt hauptsächlich in Pfäffikon (ZH).