Ein Sonntag im Mai steht traditionell für Blumen, Zeichnungen und das Frühstück im Bett – Rituale, die zum festen Bestandteil vieler Familien geworden sind. Doch der Muttertag wirkt auf den ersten Blick zunehmend veraltet.
Trotz seiner Popularität ist er keine historische Tradition, sondern eine vergleichsweise neue Erfindung aus dem 19. Jahrhundert mit Wurzeln in einer politischen Bewegung. Frauenrechtlerinnen setzten sich damals für die Belange von Müttern ein. Als Begründerin des heutigen Muttertags gilt die Amerikanerin Anna Jarvis, die Anfang des 20. Jahrhunderts einen Gedenktag zu Ehren der Mütter ins Leben rief.
Ziel war es, Anerkennung und gesellschaftliche Sichtbarkeit für die Leistungen in der Fürsorgearbeit zu schaffen. 1914 erklärte US-Präsident Woodrow Wilson den zweiten Sonntag im Mai offiziell zum Muttertag. Jarvis sah jedoch keine Rolle für kommerzielle Einflüsse.
Diese Absicht hielt sich nicht lange: In Deutschland wurde der Muttertag bereits 1923 eingeführt, angetrieben durch den Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber. Was als Gedenkfeier begann, wandelte sich schnell in ein kommerzielles Ereignis. Für 2026 prognostiziert der Handelsverband Deutschland Milliardenumsätze im Einzelhandel. Blumen bleiben das beliebteste Geschenk.
In der Schweiz setzte sich der Muttertag ab den dreißiger Jahren durch, unterstützt von Floristen-, Gärtner- und Konditorenverbänden. In den USA ist er wirtschaftlich noch bedeutender: Rund 30 Milliarden Schweizer Franken werden jährlich ausgegeben.
Der Muttertag wird heute in etwa siebzig Ländern gefeiert, jedoch nicht einheitlich. Er fällt manchmal auf den 8. März und ist mit dem Internationalen Frauentag verbunden. In Teilen des Nahen Ostens wird er am Frühlingsbeginn, dem 21. März, begangen. In Großbritannien richtet sich das Datum nach dem Kirchenkalender und fällt auf den vierten Fastensonntag (Mothering Sunday). In Frankreich ist es der letzte Sonntag im Mai.
Der Muttertag bleibt ein ambivalenter Anlass: Während er für Wertschätzung steht, wirkt er manchmal als ritualisiertes Pflichtprogramm. Dieses scheint oft nicht den vielfältigen Familienstrukturen gerecht zu werden.
Mit dem Aufkommen von Patchwork-Familien, gleichgeschlechtlichen Elternschaften und Co-Elternschaften hat sich das Bild der Mutterrolle gewandelt. Gleichzeitig wird diese Rolle hinterfragt: Muss Mutterschaft selbstlos sein oder Raum für individuelle Bedürfnisse lassen?
Diese Ambivalenz zeigt, dass der Muttertag zwar Fürsorge würdigt, aber die Bedingungen oft ausklammert. Frauen tragen nach wie vor den größten Teil der unbezahlten Betreuungsarbeit und ihre Erwerbsbiografien sind häufiger unterbrochen.
Der Muttertag bleibt daher relevant – nicht unbedingt in seiner traditionellen Form, sondern als Projektionsfläche für Dankbarkeit und Konflikte. Wer feiert hier eigentlich wen? Und wer fühlt sich ausgeschlossen?
Vielleicht liegt die Zukunft des Muttertags weniger im Schenken als im Nachdenken, weniger im Ritual als im Gespräch: Was bedeutet Fürsorge in einer individualistischen Gesellschaft? Wie kann Anerkennung über symbolische Gesten hinausgehen?
Die Kommerzialisierung ist unvermeidlich. Doch statt sie zu verteufeln, könnte man den Muttertag auch als Chance sehen – für einen differenzierten Blick auf seine Bedeutungen. Für viele kann er ein schwerer Tag sein: etwa für Menschen, deren Mutter verstorben ist oder bei denen die Beziehung belastet ist.
Letztlich bleibt der Muttertag das, was wir daraus machen: ein Pflichttermin, ein kommerzielles Ereignis – oder ein Moment der Wertschätzung. Also: Feiert!