Der 28. Mai ist für Jelena Kalbermatten ein bedeutender Tag – er markiert ihren Geburtstag sowie den Jahrestag des verhängnisvollen Bergsturzes, der ihr Leben umwälzte. Vor einem Jahr wurde das Dorf Blatten von einer Katastrophe getroffen: Ihr Elternhaus und damit ihre gewohnte Welt wurden zerstört – ein Schicksalsschlag, den rund 300 Bewohner teilen.
Jelena Kalbermattens Gedanken kreisen oft um ihre Heimat. “Es ist eine Achterbahn der Emotionen”, sagt sie. Zwischen positiven Momenten tauchen plötzlich Schmerzen auf. Nach dem Unglück fand Trost in den Gemeinschaftserlebnissen mit anderen Betroffenen statt: “Am Tag nach dem Bergsturz begegnete ich Eltern eines früheren Schulkollegen, und wir umarmten uns spontan auf der Straße, ohne ein Wort zu wechseln.”
In der ersten Zeit wohnt Jelena bei ihrer Großmutter in Ferden, einer anderen Gemeinde des Lötschentals. Sie erlebt viel Solidarität und ist überwältigt von den vielen Nachrichten, die sie erreichen.
Die vierteilige Podcastserie “Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat” der SRF-News Plus Hintergründe beleuchtet persönliche Schicksale im Kontext politischer Fragen: Kann eine zerstörte Heimat neu aufgebaut werden und wollen die Menschen zurückkehren?
Nicole Kalbermatten, entfernt mit Jelena verwandt und Präsidentin der lokalen Musikgesellschaft Blattens, versucht ebenfalls, Stabilität zu finden. Nach dem Verlust ihres Hauses lebt sie vorübergehend in einer Ferienwohnung im Nachbardorf Wiler. “Am wichtigsten war mir, dass es meinen Kindern gut geht”, sagt Nicole.
Die emotionalen Nachwirkungen sind tief: Der Verlust von Fotoalben und Erinnerungsstücken wie der ersten Schuhe ihrer Kinder schmerzt besonders. Die Großzügigkeit der Spendenbereitschaft wird deutlich, als 68 Millionen Franken gesammelt werden. Bei der großen Spendenbörse in Gampel erlebt Jelena ein Durcheinander aus Kleidung und findet sogar noch originalverpackte Bikinis.
Nach dem Bergsturz dürfen einige Bewohner für eine kurze Zeit zurückkehren, um ihre Häuser zu inspizieren. Nicole besucht eine Freundin in ihrer zerstörten Wohnung: “Es war schimmlig und überall lag Sand.”
Jelena erlebt beim Anblick ihres Elternhauses ein Gefühl von Verlust, als sie erfährt, dass es sich in einer roten Zone befindet und sie nicht zurückkehren darf. Sie entscheidet sich für einen Umzug nach Davos, um Abstand zu gewinnen, und gibt an, nun nicht mehr Blatten, sondern das Lötschental oder das Wallis als Herkunft anzugeben.
Der Wiederaufbau von Blatten wird diskutiert. Pläne für den Neubeginn 2029 sind ambitioniert, lösen aber auch Unsicherheit aus: “Jeder hat andere Vorstellungen”, so Nicole Kalbermatten. Sie zweifelt zunehmend an der Realisierbarkeit dieser Pläne.
Nicole sieht die Berge im Lötschental mit neuen Augen – sie sind nicht mehr nur schön, sondern bergen auch Gefahren. Auch Jelena kann nicht sagen, ob sie je zurückkehren wird; das zukünftige Blatten wird anders sein.
Der Bergsturz hat die Leben von Jelena und Nicole nachhaltig verändert: “Es ist wie ein Bruch in meinem Leben”, sagt Jelena. Sie plant nicht mehr weit im Voraus, da alles sich ändern kann.
Am 27. Mai 2026 diskutiert SRF-Host Vanessa Ledergerber zusammen mit Betroffenen über den Verlust und Neuanfang nach dem Bergsturz in Bern.