Beata Sievi, eine Psychologin und erfahrene Korsettschneiderin mit polnischen Wurzeln aus Winterthur, besitzt eine der umfangreichsten Kollektionen von Korsetts und Büstenhaltern in der Schweiz. Ihr Fundus umfasst über 200 BHs, wobei der älteste ein «Triumph-BH» aus den 1920er Jahren ist. Sievi strebt danach, die Tradition dieses Handwerks zu bewahren. “Im Gegensatz zu heutigen industriell gefertigten Modellen waren frühere Büstenhalter kunstvolle Kleidungsstücke”, betont sie und hebt die lange Geschichte des Handwerks hervor.
Die ersten BHs, wie wir sie heute kennen, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Schon im 15. Jahrhundert gab es jedoch erste Vorläufer dieser Unterwäsche, so Sievi. Korsetts reichen noch weiter in die Vergangenheit.
In ihrer Sammlung finden sich auch Bullet-BHs oder Torpedo-BHs aus dem Zweiten Weltkrieg. “Frauen nahmen damals, insbesondere in Amerika, eine bedeutende Rolle im Militär ein”, erklärt Sievi. Sie agierten etwa als Krankenschwestern und mussten gleichzeitig den Männern Aufmunterung bieten. Ein populärer Slogan dieser Zeit war: “You’re a beauty on duty” (Du bist eine Schönheit im Dienst).
Der sogenannte ‚Freiheitsmülleimer‘, in den Frauen 1968 in den USA BHs warfen und verbrannten, wird heute als Mythos betrachtet. Dieser Akt sollte gegen Unterdrückung protestieren und Selbstbestimmung symbolisieren. In den 1970er Jahren stellte das neue Selbstverständnis der Frau die Lingerieindustrie vor Herausforderungen. Die Marke Wonderbra nutzte dies geschickt aus, indem sie Kommfort als zusätzliches Verkaufsmerkmal betonte, erklärt Sievi.
In einem Koffer bewahrt Beata Sievi sorgfältig St. Galler Lingerie auf. Engelina Grünenfelder, eine Schneiderin aus St. Gallen, produzierte in ihrem Geschäft an der St. Leonhardstrasse ab den 1930er Jahren Korsetts und BHs. Sie war innovativ und arbeitete mit Ärzten und Orthopäden zusammen. “Sie hatte auch ein eigenes Auto, fuhr ins Tessin in die Ferien und rauchte Zigarren”, fügt Sievi hinzu und erwähnt, dass sie diese Details aus wenigen Dokumenten über Engelina Grünenfelder kennt. Ihre Sammlung umfasst Stücke aus dem Nachlass von Engelina Grünenfelder, die Sievi vor der Liquidation gerettet hat.
Die Entwicklung des Schönheits- und Erotikideals wurde durch BHs im Laufe der Jahre geprägt. Beata Sievis Sammlung zeugt daher nicht nur vom Handwerk, sondern auch von gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten 150 Jahre.
Regionaljournal Ostschweiz, 13.4.2026, 17:30 Uhr