Barbara von Roll, eine beachtete Heilpraktikerin und Wohltäterin des 16. Jahrhunderts, war für ihre medizinischen Kenntnisse bekannt, lange bevor moderne Medikamente entwickelt wurden. Über die Grenzen ihrer Heimatstadt Solothurn hinaus erlangte sie Bekanntheit. Der Gelehrte Glarean beschrieb sie als ‘einen Mond, der so hell leuchtet, dass er andere Himmelslichter überstrahlt’, wie Mara Meier berichtet. Diese Aussage entdeckte sie in einem Dokument aus dem 16. Jahrhundert während ihrer Arbeit in der Zentralbibliothek Solothurn.
Frauen wurden in historischen Texten oft nicht erwähnt, was die Erwähnung von Barbara von Roll durch den Schweizer Gelehrten Glarean besonders hervorhebt. Meier, eine studierte Botanikerin, untersucht, wie es einer jungen Adligen gelang, sich mit Heilpflanzen zu beschäftigen und Menschen zu helfen. Von Roll besaß die seltene Möglichkeit, über ihr Vermögen selbstständig zu verfügen – ein Privileg, das Glareaus Ehemann Hieronymus von Luternau offenbar gewährte. ‘Sie musste einen starken Charakter haben’, schließt Meier.
Barbara von Roll konnte lesen und schreiben, was ihr erlaubte, sich selbst Bildung zu verschaffen. Obwohl sie keinen Universitätszugang hatte, dürfte sie viel aus Büchern gelernt haben. ‘Sie hat sicher mit Hebammen, Ärzten und Apothekern gesprochen und möglicherweise eigene Experimente durchgeführt’, meint Meier.
Barbara von Roll zeigte eine außergewöhnliche Begabung im Umgang mit Heilpflanzen. Laut Mara Meier arbeitete sie strukturiert, besonderes Augenmerk legte sie auf die Behandlung Schwangerer und Neugeborener – vielleicht, weil ihr das eigene Kindererlebnis verwehrt blieb.
Die genauen Methoden und verwendeten Pflanzen von Rolls sind nicht dokumentiert. In Briefen gab sie einem Pfarrer Tipps zur Gesundheit: Ein rotes Seidenband gegen geschwollene Schenkel in der Schwangerschaft, kühlende Umschläge als heutigen Standard. ‘Die Bandverwendung wäre heute unüblich’, fügt Meier hinzu.
Im von Roll-Haus, einem prächtigen Patrizierhaus in Solothurns Altstadt, gründete sie ein Spital für Bedürftige – eine Einrichtung für diejenigen, die sich keinen Arzt leisten konnten. Ob sie dort selbst Hand anlegte, bleibt unbekannt.
Es ist unklar, ob ihre Familie von Rolls Engagement unterstützte oder kritisierte. ‘Sie hätte in erster Linie Nachkommen zur Sicherung des Erbes erwarten sollen’, mutmaßt Meier. Barbara starb kinderlos, was zu familiären Spannungen geführt haben könnte.
Trotz der Gefahren durch die Hexenverfolgung blieb sie unbehelligt – wohl aufgrund ihrer Herkunft aus einer mächtigen Familie. ‘Man greift keine reiche Frau einer solchen Familie an’, erklärt Meier. Nach einem Botanikstudium in Chile und wissenschaftlicher Tätigkeit kehrte Meier nach Solothurn zurück.
Mara Meiers neuer Roman über Barbara von Roll, betitelt “Der Trost der Pflanzen”, erscheint im Zytglogge Verlag. Dies ist ihr fünftes Buch.