Von November bis Mitte März befindet sich das Bavonatal in der Region Tessin in einer Art Winterschlaf. Restaurants, Herbergen und das Postautobetrieb sind während dieser Zeit eingestellt. Weniger als zehn Einwohner, darunter Silvana Rodriguez, bleiben zurück. Sie hat die Stille des Tals fotografisch festgehalten, veröffentlicht im Fotoband «Valle Bavona in ombra».
Am 1. April steht Rodriguez auf der Strasse bei Sabbione und hält ihr Fotoapparat bereit für das Postauto. Als es gelb hinter der Kurve erscheint, drückt sie den Auslöser – dieses Bild bildet den Abschluss ihrer Serie. Mit dem Wiederkehren des Postautos wird auch das Leben im Tal wiederbelebt: Erste Gäste treffen ein und die Gastronomie öffnet ihre Türen. «Es ist wie eine Erleichterung, fast eine Vision, nach fünf Monaten das Postauto zu sehen», beschreibt Rodriguez.
Im Weiler Sonlerto, einige Kilometer oberhalb von Sabbione, lebt Rodriguez mit ihrer Familie. Auf ihrem Laptop zeigt sie etwa 200 Bilder aus den Wintermonaten. Die Serie beginnt mit herbstlichen Farben, die zunehmend in Grautöne und Weiss übergehen. Menschen sind nur sporadisch zu sehen.
Anfangs fand Rodriguez an diesen dunklen Bildern wenig Gefallen; sie wollte ursprünglich das farbenfrohe Tal zeigen. Doch erkannte sie, dass die wahre Schönheit im Kontrast zwischen Leben und Stille liegt.
Der Fotoband «Valle Bavona in ombra» wird ab Mitte Mai veröffentlicht. Auch die Spuren der Verwüstung durch das Sommerunwetter 2024 hat Rodriguez akzeptiert. Die Gerölllawinen von Fontana, zerstörte Rustici – diese Narben gehören zur Realität und sind im Band vertreten.
Der Titel ihres Werks ist wörtlich zu verstehen: «Das Tal liegt monatelang im Schatten», erklärt Rodriguez. Ihr Buch will die verborgene Seite des Tals zeigen, seine Ruhe und Abgeschiedenheit.
Rodriguez lebt mit ihrem Partner und ihrer siebenjährigen Tochter bereits seit sechs Wintern in der Region. Die Einsamkeit ist für sie ein wertvoller Aspekt ihres Lebens. Der Kauf eines Hauses hier war eine Entscheidung, die sie nie bereut hat; im Gegensatz zur Stadt, die sie als stressig empfindet.
Der Weg zum Dorf Cevio, etwa 20 Autominuten entfernt, fällt ihr schwer. Einkäufe sind für sie stressig, und schnell sehnt sie sich zurück in das Tal. Nur wegen ihrer Tochter verlässt die Familie das Tal im Winter regelmäßig, um sozialen Kontakt zu ermöglichen.
Rodriguez findet Erholung direkt vor der Haustür: «Wenn ich Ferien brauche, gehe ich hinter das Haus», berichtet sie. Am Nachmittag markiert das Halt des Postautos vor ihrem Anwesen den Beginn eines neuen Tages im Bavonatal.