Der Fussball auf dem Balkan entfacht eine Leidenschaft, wie kaum anderswo in Europa. Politik ist stets ein begleitender Faktor.
Bosnien-Herzegowina und Kosovo sind nicht nur für ihre spielerischen Talente bekannt – ein Umstand, der auch Schweizer Fans vertraut sein dürfte – sondern der Sport hat hier eine starke gesellschaftliche und politische Bedeutung.
Diese Dynamik wurde am Mittwoch in einer emotionalen Nacht sichtbar: Bosnien-Herzegowina qualifizierte sich für die WM gegen Italien, während Kosovo einen historischen Schritt verpasste. In Pristina unterlag man der Türkei mit 0:1. Ein serbischer Kommentator äußerte seine Freude über den türkischen Sieg in Kosovo – ein Bezug zur Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 und zur Unabhängigkeit Kosovos.
Edin Dzeko, Kapitän der bosnischen Mannschaft, hatte die Zuschauer im vollbesetzten Stadion von Zenica ermahnt, fair zu bleiben. Er hatte in Italien gespielt, das als erstes Land nach dem Krieg 1995 für ein Freundschaftsspiel nach Bosnien kam.
Esmir Bajraktarevic, dessen Familie durch den Krieg vertrieben wurde und Verluste erlitt, traf den entscheidenden Penalty gegen Italien. Er spielte auch für die amerikanische Nationalmannschaft und trat dann für Bosnien an, getrieben von familiärer Verbundenheit.
In beiden Teams sind viele Spieler im Ausland aufgewachsen und haben oft doppelte Staatsbürgerschaften. Ihre Entscheidung, für das Land ihrer Vorfahren zu spielen, wird von der Heimatgemeinschaft hoch geschätzt – eine Haltung, die sich vom Umgang in Westeuropa unterscheidet.
In Kosovo sorgte Andi Zeqiri dafür, dass er trotz anfänglicher Sympathien für das Land bei der Schweizer Nationalmannschaft blieb. Dies führte zu kritischen Reaktionen und Spott von den kosovarischen Fans.
Fussball ist in Kosovo eng mit der Staatsbildung verknüpft. Nach der Unabhängigkeit 2008 wurde die FIFA-Mitgliedschaft abgelehnt, bis schließlich 2016 eine Zulassung erfolgte – ein wichtiger Moment für viele Kosovaren.
Bosnien-Herzegowina hingegen sieht den Nationalstolz mehr in der multikulturellen Gesellschaft als im Staatswesen. Der Sieg gegen Italien wurde landesweit mit einem Volksfest gefeiert, während in serbisch geprägten Gebieten die Feierlichkeiten ausblieben.
In Pristina versuchten einige Fans durch nächtliche Aktionen einen psychologischen Vorteil zu erzielen – ohne Erfolg. Dagegen zeigte ein Barbesitzer Solidarität mit den türkischen Anhängern, indem er ihnen kostenlose Getränke anbot.
Diese Ereignisse unterstreichen die Macht des Fussballs, Emotionen und politische Haltungen auf dem Balkan zu prägen.