Winterthur Stadt,04.05.2026 – 12:03
Die Winterthurer Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) wird das Ölgemälde «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» von Ferdinand Hodler an die Erbinnen und Erben der ehemaligen jüdischen Besitzerin übergeben. Diese Restitution ist nach intensiven Verhandlungen vereinbart worden.
Seit 1998 gehörte das Werk (1876/1882) zur Sammlung der SKKG. Provenienzforschung ergab, dass Martha Adrianna Nathan, geborene Dreyfus (1874-1958), das Bild 1941 unter Zwang verkaufen musste, da sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.
Im Februar 2024 kam die SKKG zu diesem Schluss und beauftragte eine unabhängige Kommission (UK-SKKG) mit der Klärung NS-verfolgungsbedingter Ansprüche. Diese sollte prüfen, ob Rechtsnachfolgende der früheren Eigentümerin berechtigte Forderungen haben. Am 10. März dieses Jahres einigten sich die SKKG und die Erben auf eine «gerechte und faire Lösung», wie von der UK-SKKG bekannt gegeben wurde, die das Einigungsverfahren unterstützte.
Demnach wird nicht nur das Gemälde restituiert, sondern auch die Geschichte seiner früheren Besitzerin öffentlich zugänglich gemacht. Martha Adrianna Nathan war eine gebürtige Französin aus der Frankfurter Bankiersfamilie Dreyfus und wurde 1875 in die Schweiz eingebürgert. Durch ihre Heirat mit Hugo Nathan verlor sie das Schweizer Bürgerrecht und erhielt stattdessen die deutsche Staatsbürgerschaft.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde sie als Jüdin verfolgt und weitgehend enteignet, als sie 1937 nach Frankreich floh. Nachdem sie 1939 weiter nach Genf gelangt war, konnte sie sich dort niederlassen, da ihr die französische Staatsbürgerschaft erneut verliehen wurde. Doch mit dem Fall Frankreichs änderte die Schweiz ihre Praxis; Nathans Gesuch als «Emigrantin» anerkannt zu werden, lehnte die Fremdenpolizei ab, wodurch sie fortan halbjährlich ihren Aufenthalt neu beantragen musste.
In dieser prekären Lage sah sich Nathan gezwungen, Werke ihrer Kunstsammlung zu verkaufen. «Ohne den Verkauf des Gemäldes wäre sie nicht in der Lage gewesen, die nötigen Mittel für die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nachzuweisen», erklärte die UK-SKKG am Montag.
Um das Schicksal von Martha Nathan zu gedenken, wird «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» in der Ausstellung «Jüdische Sammler:innen in Deutschland» in Hamburg (11.09-28.03.2027) gezeigt werden. Die SKKG plant zudem die Geschichte des Gemäldes sowie die der Familie von Martha Nathan in einer Publikation zu würdigen.