Die Entscheidung der USA, keine Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren, überträgt Verantwortung und Risiko auf Europa. Zukünftig müssen europäische Staaten selbst entscheiden, wie sie mit potentiellen Eskalationen umgehen – eine erhebliche Herausforderung.
Der geplante Truppenabzug aus Deutschland, der sich bisher nur auf eine Brigade und etwa 5.000 Soldaten bezieht, hat weniger dramatische Auswirkungen als befürchtet. Europa verliert nicht unmittelbar an Abschreckungsvermögen; strategisch wäre dieser Abzug verkraftbar.
Die wesentliche Nachricht ist jedoch eine andere: Die USA verzichten vorerst auf die Stationierung von Typhon-Raketenwerfern in Deutschland, welche als Träger für Tomahawk-Marschflugkörper dienen sollten. Diese Waffen hätten eine strategische Lücke schließen sollen, indem sie feindliche Ziele tief im Hinterland treffen können. Ohne diese Waffen entsteht ein neues Problem für Deutschland und Europa.
Für Europa sind weitreichende und präzise Flugkörper essenziell. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass Russland über Hunderte einsatzbereite Marschflugkörper wie den Kalibr verfügt. Abschreckung ist nur effektiv, wenn sie gegenseitig ist.
Die Stationierung von Tomahawk-Raketen in Deutschland hätte die Entscheidungsgewalt über deren Einsatz bei den USA belassen. Doch Präsident Trump lehnt dies ab. Deutsche Medien hatten seine Ankündigung als Reaktion auf Kritik des CDU-Politikers Friedrich Merz an Trumps Irankurs gedeutet, doch tatsächlich folgt er seiner Strategie, das amerikanische Engagement in Europa zu reduzieren.
Die Konsequenz ist klar: Europa muss eigene weitreichende Marschflugkörper schneller entwickeln. Die Planung von Typhon und Tomahawk sollte die Zeitspanne bis zur Fertigstellung europäischer Waffen überbrücken. Nun wird Trumps Kurs den Europäern mehr Tempo abverlangen; ein Beispiel bieten die Ukraine, die in kurzer Zeit den Flamingo-Marschflugkörper entwickelt hat.
Europa steht nicht nur vor einer technologischen Herausforderung, sondern auch vor der Frage, ob es bereit ist, mit den Konsequenzen solcher Waffen umzugehen. Tief ins gegnerische Hinterland reichende Flugkörper erzeugen Abschreckung, aber machen die Trägerländer auch zu Zielen.
Während des Kalten Krieges herrschte Angst vor einem Nuklearkonflikt in Europa aufgrund stationierter Waffen. Doch selbst wenn der politische Wille zur Produktion und Stationierung solcher Waffen vorhanden wäre, bleibt die Frage, ob sie eingesetzt werden können. Dazu gehören (Satelliten-)Aufklärung, Zielerfassung und Führungseinrichtungen sowie eine strategische Kultur, die den Einsatz dieser Waffen auch im Ernstfall verantwortet.
Fehlt Europa diese Bereitschaft schnell genug auszubauen, entsteht eine gefährliche Zwischenphase: Der amerikanische Schutz schwindet, während die eigene Abschreckung noch nicht vollständig etabliert ist. In dieser Lücke steigt das Risiko, in das Trumps Kurs nun führt.
Es bleibt unklar, wie ernst die Ankündigung der US-Regierung ist; Widerstand regt sich auch unter Republikanern. Nicht jede Drohung von Trump wird umgesetzt, wie seine erste Amtszeit zeigte.
Dennoch zwingen Trumps Pläne Europa dazu, ihre Abschreckung selbst zu verantworten und mehr Risiko für die eigene Sicherheit einzugehen. Der US-Präsident verschiebt politische und militärische Lasten innerhalb der NATO weiter nach Europa: Die Europäer müssen dort mehr Verantwortung übernehmen.