Der Europäischen Union entgleiten zunehmend die Felle im Handelskonflikt mit China. Sie besitzt jedoch noch Einfluss, da Peking den Zugang zum europäischen Markt nicht riskieren kann und sollte diesen Zugang daher nicht bedingungslos gewähren.
Zwei jüngst aufgetretene Datenpunkte beleuchten die Ungleichgewichte zwischen Europa und China. Letzteres erzielte im vergangenen Jahr einen Rekordhandelsbilanzüberschuss von 1,19 Billionen US-Dollar. Deutschland hingegen steckt in seinem vierten Stagnationsjahr; das Bruttoinlandprodukt stieg lediglich um 0,2 Prozent im Jahr 2025. Laut Goldman Sachs hätte das deutsche Wachstum ohne chinesische Konkurrenz bei 0,5 Prozent gelegen – eine Differenz von etwa 0,3 Prozentpunkten.
Diese Entwicklung zeigt eine klare Abkehr von der Vergangenheit, als Chinas rasantes Wachstum Deutschlands Wirtschaft förderte. Inzwischen ist die chinesische Erholung mehr auf Exporte als auf Binnennachfrage gestützt, was den Druck auf hochentwickelte Industriesektoren im Ausland erhöht. China wächst nun durch Exporte nach Europa und schwächt die industrielle Grundlage Deutschlands.
Während chinesische Exporte in die USA um etwa 20 Prozent zurückgingen, stiegen die Lieferungen nach Deutschland um über 8 Prozent, da Exporteure ihre Waren vom amerikanischen Markt abzweigten und so Zölle umgingen.
Neueste Forschung zeigt das Ausmaß des sogenannten «China-Schocks» für Deutschland seit 2020. Schlüsselindustrien wie der Automobil- und Maschinenbau stehen unter erheblichem Druck – Sektoren, die traditionell einen bedeutenden Teil der deutschen Forschungs- und Entwicklungsausgaben trugen und den Wohlstand sicherten. Jetzt steht Deutschlands Rolle in hochwertigen Industrien wie dem Maschinenbau, Autobau sowie Chemie- und Pharmasektor auf dem Spiel.
Deutschland erlebt jüngst eine Stagnation, die angesichts dieser Entwicklungen nicht überrascht. Wird Deutschland bald keine Güter mehr nach China exportieren können? Ökonomen würden dies widerlegen; laut der Logik des komparativen Vorteils sollten Preise und Löhne sich so anpassen, dass jede Volkswirtschaft Spezialisierungsbereiche behält. Wenn China alle Sektoren dominierte, müssten Chinas Löhne und Wechselkurs steigen, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit in bestimmten Industrien wiederherzustellen.
Diese Anpassung setzt jedoch funktionierende Marktmechanismen voraus. Der Renminbi wird von chinesischen Behörden streng kontrolliert, nicht vom Markt diktiert. Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen, dass Chinas realer effektiver Wechselkurs erheblich gefallen ist; seit 2021 hat der Renminbi um fast 20 Prozent an realer Wert verloren.
Der nominale effektive Wechselkurs misst den Durchschnitt der Wechselkurse gegenüber Chinas Handelspartnern, gewichtet nach deren Bedeutung im Handel. Der reale effektive Wechselkurs berücksichtigt Inflationsunterschiede zwischen Ländern. Während China Deflation durch internen Preisdruck erlebt, sieht Europa stark steigende Preise aufgrund von Lieferkettenstörungen und dem Energieschock nach Russlands Angriff auf die Ukraine.
Europa steht vor der Frage: Welche Optionen hat es? Seine Macht resultiert aus Chinas Unvermögen, den europäischen Markt zu verlieren. Der amerikanische Markt für chinesische Elektrofahrzeuge ist durch Zölle und Sicherheitsrestriktionen praktisch unzugänglich. Ohne Europa droht China bei Elektroautos eine Überkapazität.
Marktzugang sollte nicht länger bedingungslos gewährt werden, sondern an klare Bedingungen geknüpft sein. Früher mussten ausländische Firmen in China Joint Ventures eingehen, um Technologietransfer zu erleichtern. Europa könnte nun einen reziproken Ansatz verfolgen und fordern, dass chinesische Unternehmen, die hier verkaufen wollen, mit europäischen Herstellern gleichberechtigte Joint Ventures bilden.
Die Entscheidung der Europäischen Kommission vom 12. Januar, Strafzölle auf ein System von Mindestpreisen für chinesische Elektroautoimporte umzustellen, markiert einen fehlgeleiteten taktischen Rückzug. Hersteller können nun die eingeführten 35-prozentigen Antisubventionszölle durch «freiwillige» Mindestpreise umgehen.
Obwohl dies als diplomatische Deeskalation dargestellt werden kann, ist seine wirtschaftliche Logik zunehmend fragwürdig. Durch den Wechsel zu freiwilligen Exportbeschränkungen statt Zöllen ermutigt Brüssel chinesische Produzenten zur Abschöpfung ökonomischer Renten.
Wichtiger noch: Dieser Kurswechsel schwächt die EU bei der Durchsetzung industriepolitischer Zugeständnisse. Die Drohung mit Zollmaßnahmen war historisch ein entscheidender Auslöser für Joint Ventures und den Technologietransfer von Ost nach West. Ohne Druck durch Grenzzölle schwindet der Anreiz chinesischer Unternehmen, ihr Wissen zu teilen.
In einer Ära der Geoökonomie, in der Zölle als politische Druckmittel genutzt werden, kann sich Europa strategische Zurückhaltung nicht mehr leisten. Diese unbequeme Schlussfolgerung spiegelt die Realitäten der heutigen Weltwirtschaft wider.
Dalia Marin ist Professorin für internationale Wirtschaft an der TUM School of Management der Technischen Universität München.