In diesem Jahr dreht sich an der Croisette vieles ums Filmemachen, was Fragen nach einer möglichen Nabelschau in der Branche aufwirft. In Cannes verschmelzen Realität und Leinwand zu einem einheitlichen Bild: mit hohem Tempo, da Entspannung hier nicht geboten ist. Während manche sich nach neuen visuellen Eindrücken sehnen, eilen andere zu Terminen, Interviews oder Partys – nur im Kinosessel kann man träumen.
Die zahlreichen Videos von der roten Teppich-Premiere und dem Palais, einem gigantischen Gebäude mit seinen vielen Gängen, bieten genug Material für diverse Filme. Zusätzlich wird Cannes selbst zum Schauplatz einer Serie: Die Crew von «The White Lotus» dreht in der vierten Staffel an der Côte d’Azur, wobei ihr Auftritt mysteriös bleibt.
Ein zentraler Handlungsort, das klassische Hotel Martinez an der Croisette, verbirgt sich trotz medialen Interesses. Die Dreharbeiten finden erst nach dem Festival statt, um den roten Teppich und die Stadtbefreiung zu gewährleisten.
Das Festival de Cannes ist mehr als ein Ort des Filmverkaufs; es ist eine Bühne zur Selbstreflexion der Branche. In diesem Jahr stand diese besonders im Vordergrund. Politische Themen treten in den Hintergrund, während Thierry Frémaux die Probleme elegant beiseitelässt.
In Frankreich hingegen wogt die Empörung über Canal Plus: Jedes Mal, wenn das Logo erscheint, gibt es Buhrufe. Grund ist Canals Entscheidung, nicht mehr mit den Unterzeichnern einer Petition gegen Vincent Bolloré zusammenzuarbeiten – ein Schritt, der bei Grasset zu einem Autorabgang führte.
In Cannes dreht sich alles um die inneren Spannungen des Kinos. Filme handeln oft vom Filmemachen selbst: Regisseure filmen andere Regisseure und Serien über Festivals. Man erlebt das Entstehen, Wachsen und Verändern des Films live. Gelegentlich wird auch auf vergangene Zeiten zurückgeblickt.
So erhielt John Travolta spontan eine Palme d’Or ehrenhalber für sein Buch über die Luftfahrt, was ihn große Freude bereitete. Seine Karrierestationen wurden gezeigt – weit über «Grease» und «Pulp Fiction» hinaus.
Pedro Almodóvar erzählt in «Amarga Navidad» von der Schwierigkeit des Schreibens, während Asghar Farhadi Isabelle Huppert als chaotische Autorin zeigt. Krzysztof Kieślowski inspiriert mit «Dekalog VI». Marie Kreutzer und Adèle Exarchopoulos inszenieren sich selbst in Filmen über ihre jeweiligen Berufe.
Javier Bardem spielt einen tyrannischen Regisseur, während Nicolas Winding Refn mit «Her Private Hell» zurückkehrt. Das Festival wird vom Technologiekonzern Meta unterstützt; Dogma 25 Germany setzt auf Abstinenz von modernen Hilfsmitteln als Gegenbewegung.
Ist all das nur Nabelschau? Nicht unbedingt, da in guten Fällen der Filmemacherberuf existenzielle Themen vermittelt. Dennoch bleibt eine Unsicherheit gegenüber dem Zuschauer bestehen – ein Jahr, in dem Hollywood kaum präsent war.