Der Jahresbericht des Anti-Folter-Komitees des Europarats warnt vor wachsenden Misshandlungen in europäischen Gefängnissen. Hans Wolff, ein renommierter Gefängnismediziner aus Genf und langjähriges Mitglied des Komitees, erkennt dies als Teil einer größeren negativen Entwicklung an.
Wolff diente bis 2025 als Schweizer Vertreter im Anti-Folterkomitee und war zuletzt dessen Vizepräsident. Er äußerte sich besorgt über den zunehmenden Druck auf Menschenrechte, da Regierungen in Frage stellen, was zuvor selbstverständlich schien.
Im Rahmen seiner Arbeit besuchte Wolff über 100 europäische Gefängnisse. Ein besonders prägendes Erlebnis hatte er im Gefängnis von Französisch-Guayana: Dort war eine Zelle für 15 Personen mit bis zu 25 Insassen belegt. Die Situation psychisch Kranker, die ohne Betreuung und in schlechten hygienischen Verhältnissen lebten, empfand er als besonders erschütternd.
Wolff betonte, dass solche Eindrücke schwerwiegend seien, insbesondere wenn keine Lösungen in Sicht sind. Auch in der Schweiz sieht er kritische Zustände, vor allem die Überbelegung von Gefängnissen wie Champ-Dollon im Kanton Genf, das für 398 Insassen konzipiert ist, aber über 500 Häftlinge beherbergt.
Überbelegung führe zu einer Verschlechterung der Betreuungs- und Sicherheitsbedingungen sowie des Umgangstons. Wolff kritisiert die bedrückende Atmosphäre in diesen Einrichtungen, die laut, gefährlich und unwürdig für ein wohlhabendes Land wie die Schweiz seien.
Ein besonders besorgniserregender Aspekt ist die psychische Gesundheit der Gefangenen. Wolff zitiert Studien, die zeigen, dass Inhaftierte etwa zehnmal häufiger an psychischen Erkrankungen leiden als Nichtgefangene. Haftbedingungen könnten bestehende Probleme verschärfen und Krankheiten erst richtig zum Vorschein bringen.
Ein besonders hoher Risikofaktor ist die disziplinarische Einzelhaft, die das Suizidrisiko erhöht, insbesondere bei bereits belasteten Personen. Wolff betont, dass es effektivere Methoden gibt, um mit widerspenstigen Häftlingen umzugehen.
Er hinterfragt die Notwendigkeit der Haft für viele Menschen, da 80 Prozent aller Inhaftierten in der Schweiz Strafen von weniger als sechs Monaten verbüßen. Er sieht Potenzial in alternativen Managementansätzen, denn Gefängnisse schadeten den Häftlingen mehr.
Der Präsident der Konferenz der Gefängnisärzte fordert zudem mehr Lernbereitschaft und Austausch zwischen den Kantonen über erfolgreiche Ansätze. Dies geschehe jedoch selten. (SRF 4 News, 16.04.2026)