Das Internationale Olympische Komitee (IOC) plant ab sofort verpflichtende Gentests auf das SRY-Gen zur Überprüfung des biologischen Geschlechts von Athletinnen. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry kündigte diese Maßnahme an, die nach dem Gen suchen soll, welches auf dem Y-Chromosom liegt und für die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale entscheidend ist. Diese Initiative wurde durch Diskussionen über Sportlerinnen mit unsicherem biologischen Geschlecht ausgelöst, unter anderem nach der Disqualifikation der Boxerin Imane Khelif aufgrund von nicht veröffentlichten Ergebnissen über ihr biologisches Geschlecht im Jahr 2023.
Der SRY-Gen-Test zielt darauf ab, bei Zweifelsfällen Klarheit zu schaffen. Das IOC führte diese Tests erstmals 1992 ein, beendete sie jedoch 1999 aus ethischen Bedenken und wegen hoher Kosten. Das Gen, das für die geschlechtsbestimmende Region des Y-Chromosoms steht, steuert während der Schwangerschaft die Entwicklung von Geschlechtsmerkmalen.
Ursprünglich sind Embryonen Zwitter mit Anlagen sowohl für Hoden als auch Eierstöcke. Ohne SRY entwickeln sich diese zu weiblichen Merkmalen, bei Vorhandensein und Aktivität fördert es die Hodenentwicklung und damit männliche Geschlechtsmerkmale.
Sven Cichon vom Universitätsspital Basel erläuterte, dass das Gen in der Embryonalphase wichtige Entwicklungsprozesse steuert. Der Test ist mittlerweile kostengünstig und unkompliziert durchführbar, ähnlich wie Corona-Tests.
Ein positiver SRY-Test deutet in der Regel auf einen männlichen Körper hin, ein negativer Test spricht für eine weibliche Konstitution. Doch es gibt Ausnahmen, die als Differences of Sex Development (DSD) bekannt sind und zu unklaren Geschlechtsmerkmalen führen können.
Eine Mutation im SRY-Gen kann dazu führen, dass ein Fötus mit Y-Chromosom weibliche Merkmale entwickelt. Eine andere Variante ist die Testosteronresistenz: Trotz eines intakten SRY-Gens werden männliche Hormonsignale nicht erkannt.
Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta wurden acht Sportlerinnen mit positivem SRY-Test aufgrund einer Testosteronresistenz zugelassen. Cichon befürwortet die Verwendung des Tests als Kompromiss zwischen dem Schutz vor unfairem Wettbewerb und anderen Methoden der Geschlechtsverifizierung.
Das IOC plant, den SRY-Test in Fällen von Verdacht auf ein stark ausgeprägtes Testosteronresistenz-Syndrom einzusetzen. Sportlerinnen mit teilweiser Hormonresistenz oder Transgender-Frauen sollen von Frauen-Wettkämpfen ausgeschlossen werden.