Eine Reise durch Athen offenbart sowohl den beeindruckenden Aufschwung des einst kriselnden Landes als auch die Tatsache, dass dieser nicht für jeden spürbar ist. Finanzminister Kyriakos Pierrakakis sitzt im dunklen Anzug in seinem Büro mit Blick auf den Syntagmaplatz und erklärt bei einem Kaffee: «Griechenland wird als Erfolgsgeschichte wahrgenommen.» Er betont, dass dies eine gute Geschichte sei, warnt jedoch vor Selbstgefälligkeit. Die Herausforderung bestehe darin, den positiven Trend aufrechtzuerhalten.
Nachdem das Land vor zehn Jahren am Rand des Staatsbankrotts stand, ist die Arbeitslosenquote von 27 Prozent auf 8 Prozent gesunken. Bei jungen Erwachsenen fiel sie von 60 auf 16 Prozent. Die Wirtschaft wächst um über zwei Prozent pro Jahr und die Verschuldung sank von 175 Prozent des BIP auf 140 Prozent.
Im Stadtteil Psyrri, dem einst heruntergekommenen Arbeiterquartier, das nun zu einem Trendviertel mit hippen Bars und Galerien geworden ist, sowie im bürgerlichen Kolonaki mit vielen Designer-Boutiquen, zeugen die gestiegenen Immobilienpreise vom Aufschwung. Laut Immobilienmakler Michael Moussou variieren diese zwischen 5000 und 12 000 Euro pro Quadratmeter.
Moussou, der in dem luxuriösen Viertel Kolonaki aufgewachsen ist, zählt zu den Gewinnern der Nachkrisenentwicklung. «Dem Wohnungsmarkt geht es gut», sagt er. Doch während Investoren und Wohnungsbesitzer profitieren, steigen die Mieten für viele Griechen stark an. Im Zentrum Athens stiegen die Mieten um 38 Prozent.
Michalis Rompos und sein Mitbewohner zahlen 650 Euro Miete für eine Zweizimmerwohnung in der Innenstadt, die von Schimmel befallen ist und keine Heizung hat. Ihr Lohn beträgt nur 800 Euro pro Monat, was kaum zum Leben reicht.
Die jungen Männer verbringen ihre Freizeit oft draußen, da ihnen das Geld für Aktivitäten fehlt. Rompos glaubt jedoch an bessere Zeiten und kämpft dafür, seine Träume zu verwirklichen. Laut Eurostat spüren zwei Drittel der Griechen nichts vom wirtschaftlichen Aufschwung.
Frau Ritza, eine 81-jährige Rentnerin, lebt von einer Witwenrente von 470 Euro und ist auf Unterstützung ihres Sohnes angewiesen. Ihre monatlichen Energiekosten sind hoch, und sie überlegt sorgfältig, wie sie ihr knappes Budget einteilt.
Immobilienmakler Moussou versteht den Groll gegenüber Investoren und Vermietern, betont jedoch die Notwendigkeit von staatlicher Hilfe für Menschen wie Frau Ritza. Finanzminister Pierrakakis stimmt Moussou zu und erwähnt Steuersenkungen als Erleichterung für Betroffene. Trotz der positiven Entwicklung sind viele Griechen weiterhin auf Unterstützung angewiesen.