In einer interaktiven Frage- und Antwortrunde erörterten die Expertinnen Eva Maria Molinari und Chantal Magnin das Bedürfnis nach gesellschaftlichen Regeln. Die Diskussion beleuchtete zentrale Erkenntnisse zu diesem Thema.
Eva Maria Molinari, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Basel, erklärte: «Historisch betrachtet wurde die Notwendigkeit von Gesetzen verschieden interpretiert. Thomas Hobbes argumentierte in seinem Werk ‘Leviathan’, dass im Naturzustand ohne Regeln ein ‹Krieg aller gegen alle› herrschen würde.
Im Gegensatz dazu vertrat Jean-Jacques Rousseau die Ansicht, der Gesellschaftsvertrag sei nicht als Freiheitsentzug zu sehen, sondern vielmehr als deren kollektive Wiederherstellung. Der Mensch sei von Natur aus gut und frei. Konflikte entstünden durch Eigentum und soziale Ungleichheit, wodurch natürliche Freiheit verloren geht. Ein Gesellschaftsvertrag würde diese wieder herstellen, mit dem Schwerpunkt auf Volkssouveränität.
Die zehn Gebote der Bibel bilden einen grundlegenden Regelkern, der sich auch im staatlichen Recht widerspiegelt. Da solche Normen oft allgemein sind, werden sie durch spezifische Gesetze ergänzt und präzisiert.
Chantal Magnin, Dozentin für qualitative Sozialforschungsmethoden an der Hochschule Luzern, fügte hinzu: «Keine bekannte Gesellschaft existiert ohne irgendeine Form von Lebensregeln – selbst solche, die fernab moderner staatlicher Strukturen sind. Solche Gemeinschaften haben immer Regeln; entscheidend ist jedoch deren Entstehung und Aushandlung.
Molinari betonte, dass das Recht mehrere Funktionen erfüllt, eine davon sei die Gewährleistungsfunktion: «Das Recht sichert nicht nur Freiheitsschranken, sondern gewährleistet und schützt auch Freiheit und Gleichheit vor Eingriffen durch andere Menschen, Unternehmen oder den Staat.»
Sie erklärte weiter die Verbindung zwischen rechtlicher und faktischer Freiheit: «Rechtliches Dürfen (wie schlafen dürfen) und faktisches Können – also die tatsächliche Möglichkeit dazu, wie etwa das Unvermögen, wegen Lärm zu schlafen – sind zwei miteinander verbundene Aspekte der Freiheit.»
Somit sorgt das Recht für eine Balance zwischen privaten Freiheitsinteressen und Gemeinwohlbelangen.
Chantal Magnin merkte an, dass momentan Unsicherheiten bezüglich gültiger rechtlicher und moralischer Normen wachsen – insbesondere im Völkerrecht. «Diese Regeln bestehen weiterhin auf staatlicher und kommunaler Ebene, wie in der Schweiz. Auffallend ist jedoch, dass sich in den USA mächtige Wirtschaftsgruppen teilweise weniger an gemeinsame Spielregeln halten als andere – ein mögliches Ungleichgewicht durch demokratische Wahlergebnisse.»
Es sei denkbar, dass diese Tendenzen wieder korrigiert werden könnten, jedoch müsse das System einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
Radio SRF 1 Treffpunkt, 27.4.26, 9 Uhr;fulu;liea