Trotz eines angeblich bestehenden Waffenstillstands blockieren im Persischen Golf hunderte Schiffe den Seeweg. Iran betrachtet die Meerenge als potenzielle Einnahmequelle, was bei Reedergruppen weitreichende Bedenken auslöst. Die Idee, einen Durchfahrtszoll für strategische Wasserstraßen zu erheben, ist historisch nicht neu. So verlangte Dänemark vom 15. bis zum 19. Jahrhundert den sogenannten Sundzoll als Einnahmequelle. Er wurde von allen Schiffen erhoben, die zwischen Helsingör und Helsingborg fuhren, und durch militärische Präsenz am Öresundsengpass gesichert. Heute sind solche Zölle gemäß internationalem Seerecht untersagt. Iran hat jedoch das Konzept einer Durchfahrtsgebühr für die Straße von Hormuz aufgegriffen, eine der meistbefahrensten Wasserstraßen weltweit. Als Mittel zur Durchsetzung dienen Drohnen und Raketen – in Iran verfügbar in großer Zahl. Konkrete Informationen über das iranische Mautsystem fehlen weitgehend; die Mehrzahl der Erkenntnisse stammt aus Medienberichten und Gesprächen mit Verbänden, Regierungsstellen sowie militärischen Koordinationszentren. Nils Haupt von Hapag-Lloyd berichtet: „In Iran gibt es keinen direkten Ansprechpartner.“ Dies führe zu mehr Fragen als Antworten. Vor allem Sicherheitsbedenken stehen im Vordergrund: Es könnten Seeminen existieren und Schiffe müssten bei der Durchfahrt eine Versicherung vorweisen. Normalerweise passiert die Meerenge in Nähe von Khasab, Oman. Laut Lloyd’s List haben aber kürzlich über hundert Schiffe einen nördlichen Weg um Larak genommen – ein Hinweis darauf, dass Iran den Verkehr lenkt. Lloyd’s List beruft sich auf Gespräche mit Schiffsführern und beschreibt den Prozess: Schiffsanträge bei iranischen Behörden sind notwendig. Öltanker könnten eine Gebühr von mindestens einem Dollar pro Barrel zahlen, was für einen großen Tanker zwei Millionen Dollar ausmacht. Die Zahlung erfolgt in Yuan oder Kryptowährungen. Neil Shearing, Chefökonom bei Capital Economics, sieht darin eine faktische Verstaatlichung der Route. Länder wie China und Japan haben Vereinbarungen mit Teheran getroffen, was für das sanktionierte Regime neue Einnahmequellen in Milliardenhöhe schafft. Eine Kontrolle Irans über die Straße von Hormuz würde globale Wirtschaftsrisiken erhöhen. Etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasangebots passiert diese Route. Trotz der finanziellen Belastungen könnte Teheran den Durchgang jederzeit blockieren, was zu einer dauerhaften Gefährdung führt. Reedereien könnten gegen Sanktionen verstoßen, wenn sie eigenmächtig Maut zahlen. Tom Keatinge vom Royal United Services Institute sieht jedoch eine Möglichkeit: Gelder auf Treuhandkonten überweisen, die nur für humanitäre Güter genutzt werden dürfen. Gemäß dem UN-Seerechtsübereinkommen von 1982 gilt die Straße als internationale Schifffahrtsstraße. Transit darf nicht verhindert und keine Gebühren erhoben werden. Iran hat das Abkommen allerdings nie ratifiziert. Maut ist nur in künstlichen Wasserstraßen erlaubt. Arsenio Dominguez, Generalsekretär der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation, bezeichnet eine Maut als gefährlichen Präzedenzfall ohne rechtliche Grundlage. Hapag-Lloyd sieht die mögliche Einführung einer Maut in der Region als katastrophal an, trotz Weitergabe der Kosten an Kunden. Zusätzliche Belastungen durch den Iran-Krieg summieren sich auf 60 Millionen Dollar pro Woche – über eine Milliarde in sechs Monaten, bedingt durch höheren Treibstoffbedarf und Versicherungsprämien.