Die Lage für Keir Starmer als britischer Labour-Chef und Premierminister scheint so unsicher wie nie zuvor. Dennoch gibt sich der Politiker nach den jüngsten Lokalwahlen in England sowie den Wahlen in die schottischen und walisischen regionalen Parlamente gelassen. Trotz erheblicher Sitzverluste seiner Partei zeigt sich Starmer entschlossen: «Es sind schlechte Ergebnisse, und ich verschweige das nicht. Die Bürger erwarten von uns einen schnelleren Wandel und bessere Lebensbedingungen. Ich bin (im Juli 2024, Anm. der Red.) gewählt worden, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Ich werde mein Amt nicht niederlegen und das Land in Chaos stürzen.»
Starmer setzt auf die typische Hoffnungskomponente von Labour: Die Überzeugung, dass sich trotz eines unbeliebten Parteivorsitzenden die Zeiten verbessern werden.
Tony Travers, ein Politikwissenschaftler der London School of Economics and Political Sciences, äusserte dazu: «Labour hat Schwierigkeiten, sich von seinen Premierministern zu trennen. Die Konservativen dagegen handeln schneller und entschlossener. Labour-Wähler fürchten das Chaos. Und Keir Starmer wurde 2024 gewählt, weil viele genug vom chaotischen Politikstil der Konservativen hatten.» Travers ist daher überzeugt, dass Starmers Amtszeit verlängert werden könnte, da seine Wählerschaft den Sprung ins Ungewisse scheut.
Zudem gibt es keine eindeutigen Alternativen zu Starmer innerhalb der Partei. Angela Rayner, die am linken Rand politisiert und strenge Arbeits- und Mietregelungen durchgesetzt hat, ist nach einem Steuerskandal bei einer Zweitwohnung nicht im Stande, gegen Starmer anzutreten.
Andy Burnham, der beliebte Stadtpräsident von Greater Manchester, verfügt über keine Mitgliedschaft im nationalen Parlament und kann daher keinen offiziellen Herausforderer stellen. Sein Versuch, sich durch eine vorgezogene Ersatzwahl ins Unterhaus zu bringen, wurde von der Wahlkommission blockiert.
Wes Streeting, der Gesundheitsminister mit Ambitionen auf das höchste Regierungsamt, ist trotz seiner Kompetenz und Erneuerungsbemühungen im NHS durch seine Verbindungen zu Peter Mandelson, welcher in den Epstein-Skandal verwickelt war, geschwächt.
Daher kann Keir Starmer vorläufig weiterregieren, da es keine überzeugende Alternative gibt. Michael Gerber ist seit Frühjahr 2022 TV-Korrespondent für Grossbritannien und Irland bei SRF. Er berichtete zuvor aus Frankreich und als Korrespondent in der Westschweiz sowie von «10vor10».
SRF 4 News, 08.05.2026, 5 Uhr; noes