In früheren Zeiten waren Kinder oft draussen anzutreffen, in Wäldern und auf Strassen. Heute findet das Aufwachsen überwiegend drinnen statt – strukturiert und kontrolliert. Pädiater Oskar Jenni hat eine überraschend einfache Erklärung dafür: Die heutige Generation wächst unter ständiger Beobachtung auf. Jennis Rolle als Leiter der Entwicklungspädiatrie am Zürcher Kinderspital gewährt ihm Einblick in über eine Million Datensätze zur kindlichen Entwicklung. Seit mehr als 70 Jahren begleiten Forschende im Zürcher Kinderspital über 1000 Kinder, um deren Wachstum und Entwicklung zu untersuchen und langfristige Auswirkungen auf ihr Leben festzustellen.
Jenni erinnert sich an die Nähe seiner Mutter während einer Krankheit in seiner Kindheit als prägendes Erlebnis. Diese warme Beziehung ist ein Beispiel für seine glückliche Jugend ohne übermäßige Kontrolle, obwohl auch er Konflikte erlebte.
Er betont die Bedeutung von kohärenten Lebensgeschichten und deren Einfluss auf unser Selbstbild und unsere Identität. Jenni beobachtet einen Trend zur Regulierung der Kindheit: Der Alltag ist strukturiert, und Freiräume sind begrenzt. Kinder sind seltener öffentlich anzutreffen; sie verbringen ihre Zeit eher vor Bildschirmen oder in organisierten Aktivitäten.
Die Zürcher Longitudinalstudien seit 1954 erfassen die Entwicklung von Kindern über Generationen hinweg und helfen, Einflussfaktoren auf ein glückliches Leben zu identifizieren. Eltern übernehmen zunehmend soziale Kontakte für ihre Kinder, was deren Entwicklungsaufgaben beeinflusst.
Jenni weist darauf hin, dass heutige Kinder mehr Druck ausgesetzt sind – von Schule, Gesellschaft und Familie. Trotzdem betont er die Bedeutung sicherer Beziehungen zur Förderung der Resilienz gegenüber Stress.
Er erklärt den „Kids these days“-Effekt: Die Jugend wird oft als schwächer dargestellt, während die eigene Jugend verklärt wird. Elternschaft sieht er als Reise ins Unbekannte, die Widerstandsfähigkeit stärkt.
Eine glückliche Kindheit beeinflusst das Erwachsenenleben positiv, vor allem durch stabile Beziehungen und Emotionsbewältigung. Auch Menschen mit schwieriger Kindheit können ein gutes Leben führen, wenn sie unterstützende Beziehungen haben und ihre Lebensgeschichte integrieren.
Eltern können die Entwicklung ihrer Kinder nicht steuern, sondern nur eine stabile Umgebung bieten. Jenni berichtet von der überraschenden positiven Entwicklung eines Mädchens, das er einst als herausfordernd betrachtete. Letztlich betont er Mythen rund um Kindheit und Ernährung: Essen wird oft zu schnell erzwungen, statt geduldig auf die natürliche Geschmacksentwicklung der Kinder zu warten.