Für Dario sind Kreuzfahrten mehr als nur eine Reise; sie prägen seine Identität. Die Begegnung mit seiner Freundin Selina vor einerinhalb Jahren auf einer Bahamas-Kreuzfahrt erachtet er als höchstes Glück: «Mit jemandem in meinem Alter zusammenzukommen, der Kreuzfahrten genauso liebt wie ich, ist selten.» Beide arbeiten im Tourismussektor und kombinieren Beruf mit Vergnügen. Reedereien laden sie ein, alles inklusive – dafür nutzen sie ihre Smartphones für Instagram-Videos.
Das Paar nimmt an einer Kreuzfahrt von Rom nach Barcelona teil. Für Dario ist dies die 71. Fahrt seines Lebens und er ist gerade einmal 26 Jahre alt. Sie sind als Content Creator eingeladen, sogar Teil der Jungfernfahrt des Schiffes – für ein All-inclusive-Paket ohne zusätzliches Honorar.
Dario geht analytisch auf das Schiff: die Technik, die Ausstattung und die «schwimmende Stadt» beeindrucken ihn. Die Kabinen sind geräumig, frisch ausgestattet, doch der fehlende Morgenkaffee im Paket stört ihn als Halbitaliener.
Auf dem Schiff dominieren ältere Reisende: viele amerikanische Paare auf einer Langstrecke von Rom nach Miami. Selina bemerkt die älteren Gäste, was sie nicht stört: «Wir verbinden uns besser mit älteren Menschen. Wir sind im Herzen alt.»
Eine Studie der CLIA aus 2025 zeigt, dass 20 Prozent der Kreuzfahrtgäste zwischen 20 und 39 Jahre alt sind, die größte Gruppe. Die Altersgruppen von 50 bis 59 Jahren machen 17 Prozent aus, von 60 bis 69 Jahren 18 Prozent; zusammen sind 36 Prozent der Gäste unter 40.
Eine YouGov-Umfrage von 2025 durch Aida ergab: 25 Prozent der deutschen Gen Z waren bereits auf Kreuzfahrt, und 59 Prozent zeigen Interesse. Dario lacht über das Klischee des Rentnerhobbys: «Man kann auch mit jüngeren Menschen ins Gespräch kommen.»
Als die Fahrt nach Barcelona beginnt, zelebrieren sie den Moment – trotz ihrer Rolle als Content Creator. Selina präsentiert ihre Abendoutfits und schätzt die Möglichkeit, sich ohne Stress auf dem Schiff zu verwöhnen.
Beim Thema Nachhaltigkeit sind sie sich einig: «Wir tragen Verantwortung für unseren Planeten», betont Dario. Doch man könne nicht alles vermeiden. MSC Cruises gab 2022 über 2 Millionen Tonnen CO₂ aus, etwa 5,7 Prozent des Schweizer Ausstoßes.
Eine 13-tägige Fahrt verursacht rund 4 Tonnen CO₂ pro Person (ohne Flug), ein Hin- und Rückflug von Zürich nach Bangkok stößt etwa 3,6 Tonnen aus (myclimate.org, April 2026). Kritik gibt es auch wegen des Schweröls als Treibstoff.
Dario schätzt die Begegnungen mit der Crew, wie Cristy, die seit 22 Jahren auf Kreuzfahrtschiffen arbeitet. Eine Barkeeperin aus einem Luxusbereich erklärt: «Ich arbeite wegen des Geldes; ich verdiene mehr als zu Hause in Kolumbien und kann mir Häuser kaufen.»
Kritik gibt es an den Arbeitsbedingungen der Crew, die oft unter schwierigen Umständen arbeiten müssen. Viele Reedereien nutzen Billigflaggenstaaten für ihre Registrierung, um strengere Gesetze zu umgehen.
Am Hafen von Barcelona endet die Reise. Städtereisen sind für Dario und Selina nicht das Ziel; sie erleben lieber die «schwimmende Stadt» als Arbeit und Ferien zugleich. Kreuzfahrt Nummer 72 steht bereits bevor.
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SRF 2, 9.4.2026, 00:00 Uhr; herb