In dem Bergdorf Cocullo, gelegen in den Abruzzen Italiens, wird am ersten Mai traditionell eine Statue des Dorfpatrons mit lebenden Schlangen geschmückt. Diese Zeremonie verbindet katholische Volksfrömmigkeit mit einem Kult, der älter als das Christentum ist.
Das Morgengrauen über Cocullo streift sanft die Hänge, während Antonio Arrosto seit Jahren Schlangen fängt. Die Natursteinmauern, die einst von Hirten errichtet wurden, bieten den Reptilien ideale Verstecke. Inmitten von Brombeersträuchern und Geröll wärmen sie sich auf, sobald die Temperaturen über 24 Grad steigen. Arrosto gehört zu den rund dreißig Serpari, den Schlangenfängern des Dorfes. Trotz eines landesweiten Schutzstatus dürfen Cocullos Einwohner jährlich etwa 150 Tiere einfangen.
Am ersten Mai wird die Statue von San Domenico aus der Kirche getragen und mit rund zwanzig lebenden Schlangen behängt. Die Serpari umwinden sich selbst mit weiteren Exemplaren, bevor sie unter die Besucher mischen. Tausende Menschen pilgern bei gutem Wetter in die engen Gassen des Dorfes, wo ihnen unweigerlich ein Reptil begegnet.
Es ist bemerkenswert, dass Schlangen im katholischen Italien Teil einer Heiligenprozession sind. Derartige Tiere wecken im Land stark abweisende Reaktionen, was durch die christliche Bildwelt verstärkt wird: In anderen Kulturen gilt die Schlange als heilig, während sie in Italien seit der biblischen Erzählung des Sündenfalls das Sinnbild für Versuchung ist.
“Die Kirche versuchte lange, diesen Brauch zu unterdrücken”, erklärt Mario Volpe, ein Experte für die Dorfgeschichte. Doch die Tradition war tief verwurzelt und hielt stand. Inzwischen besuchen sogar hohe kirchliche Würdenträger das Fest.
Das Fest geht auf eine Zeit zurück, als die Marser, ein italischs Stamm, in dieser Region lebten und der Schlangengöttin Angizia huldigten. Diese Göttin wurde für heilende Fähigkeiten verehrt. In Cocullo könnte sich ihr Kultort an der Stelle befunden haben, wo heute eine Marienkirche steht.
Mit der Christianisierung übernahm San Domenico die Rolle Angizias in der Legende. Die Schlangen blieben ein integraler Bestandteil des Festes. Vergleichbare Heiligenfeste sind bekannt, jedoch erreicht keines den Bekanntheitsgrad Cocullos.
Die Volksreligiosität ist hier tief mit Aberglaube verwoben: Pilger ziehen dreimal an einer Glocke, um sich vor Zahnweh zu schützen. Die Prozession selbst wird als Omen interpretiert: Kriecht eine Schlange über das Auge des Heiligen, gilt dies als schlechtes Zeichen.
Bis zum letzten Jahrhundert wurden die Schlangen nach der Zeremonie getötet. Heute sorgen die Serpari dafür, dass sie in ihre natürlichen Lebensräume zurückgebracht werden. Verwendet werden ausschließlich ungiftige Arten wie die Vierstreifennatter.
Cocullo bietet neun verschiedene Schlangenarten ein Zuhause – mehr als in der gesamten Schweiz. Das Interesse am Fang ist auf jüngere Generationen übergegangen, darunter auch Frauen. Besucher werden ermahnt, die Tiere nicht zu festzuhalten.
Seit 2007 gibt es ein Schutzprogramm, das Biologen und Serpari vereint, um den Zustand der Tiere zu überwachen. Antonio Arrosto beschreibt eine besondere Beziehung zu einer Vierstreifennatter namens Torchio, die er liebevoll als “Presse” bezeichnete, da sie sich eng an ihn schmiegte.
Als Arrosto im dritten Jahr nicht fündig wurde und fast aufgab, zischte plötzlich eine Schlange hinter ihm. Er war überzeugt: Torchio wollte mitgenommen werden.