Welche Werke sollte man sich ansehen oder hören und welche lieber nicht? Marcel Nobis hat mit ‘Echt progressiv bis voll krass’ einen außergewöhnlichen Reiseführer durch die Berliner Kneipenszene geschaffen. Der Autor, der diese Spelunken bestens kennt, hat ihre Geschichten recherchiert und in humorvolle Skizzen gebracht. Linus Schöpfer rezensiert das Buch: ★★★★★ Marcel Nobis: Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989. Akademie der Abenteuer, 2025, 382 Seiten.
Endlich Sommerferien! Doch ein Desaster folgt: Die Badi Plitsch Platsch, Lieblingsort von Pola und Polly, schließt wegen eines Investors. Als Pollys Familie wegzieht, plant Pola die Rettung der Badi, um Polly zurückzubringen. Das Nerd-Mädchen Rosalie wird zur ersten Verbündeten, gefolgt von der Stadtpräsidentin – typisch für einen Kinderfilm. Die Präsidentin rät: Startet eine Petition. Im Verlauf dieses amüsanten und klugen Sommerabenteuers von Regisseurin Natascha Beller lernen die Mädchen über Freundschaft, Loyalität – und mehr über direkte Demokratie als im Staatskundeunterricht. Denise Bucher
★★★★✩ Plitsch Platsch Forever! CH 2026, 87 Min. Im Kino.
Walter Lietha wurde am Urner Musikfestival ‘Alpentöne’ im August 2025 mit einem Hommage-Konzert geehrt: Corin Curschellas, Stephan Eicher, Sophie Hunger, Michael von der Heide und Max Lässer traten gemeinsam mit einer speziell zusammengestellten ‘Narrenschiff’-Band auf. Der Regisseur Stefan Haupt erstellt einen einfühlsamen Film rund um dieses Konzert und erzählt Liethas Leben mit Archivmaterial nach. Es ist die Geschichte eines Romantikers und sanften Rebellen, der als Buchhändler in Chur lebt. Der selbstgelehrte Musiker verband Protest mit Poesie und wurde plötzlich zum Staatsfeind. Lieder wie ‘I bin a Vogel’, ‘Bim Vreni’ und ‘Die Fahrenda’ sind Schweizer Volkslieder. In Haupts Film erscheint der 75-jährige Lietha als verschmitzter Althippie und Alpöhi, der sich naiver gibt, als er ist. Manfred Papst
★★★★✩ Walter Lietha: Drum sing i grad drum.CH 2025, 74 Min.
Robyn sagte in einem Interview, sie habe während ihrer Albumarbeit das Gefühl gehabt, ‘nichts zu verlieren’ – die perfekten Voraussetzungen für Kunst. Acht Jahre lang arbeitete die schwedische Musikerin (‘Dancing On My Own’) an ihrem neuen Album, was auch mit Mutterschaft zusammenhing und der Frage, wie man dies als Pop-Star vereint. Auf ‘Sexistential’ geht es um Dating-Apps, In-vitro-Fertilisation, hormonelle Herausforderungen und Sex im mittleren Alter. Es klingt nach einer ausgelassenen Ü-40-Party mit kräftigen House-Beats, Synthesizer-Orgien, Vocoder-Effekten und viel Selbstironie. Körperlich, feministisch, eindrucksvoll und sehr unterhaltsam. Frank Heer
★★★★✩ Robyn: Sexistential. Konichiwa.
Karl Ove Knausgård, bekannt für seine autofiktionalen Werke wie ‘Min Kamp’, hat einen Reportageband veröffentlicht. Worum es wohl geht? Vielleicht eine Reise zum eigenen Bauchnabel? Die Skepsis gegenüber dem Norweger ist nachvollziehbar. Doch überraschenderweise nimmt sich Knausgård in ‘Im Augenblick’ zurück, einem Sammelband von 2025 mit 846 Seiten. Ein hervorragender Text beschreibt Russland seit dem Ukraine-Krieg als rätselhaftes Dunkelreich. Mit großer Unbekümmertheit reist Knausgård durch das Land und vergleicht seine Eindrücke mit literarischen Bildern. Er trifft die Russen beim Tanzen und im Zug, in der Stadt und auf dem Land. Er besucht den vermeintlichen Schauplatz von ‘Aufzeichnungen eines Jägers’ und fragt eine Bäuerin: ‘Ist es hier heute anders als zu Turgenjews Zeiten?’ Knausgård gelingt das seltene Kunststück, zugleich naiv und präzise zu sein. Linus Schöpfer