Das erklärte Ziel der amerikanischen und israelischen Luftangriffe Anfang März war ein Regimewechsel im Iran, bei denen unter anderem der mächtige Ayatollah Ali Chamenei getötet wurde. Laut Ali Vaez, einem Iran-Experten der International Crisis Group, hat dies zwar die Machtverhältnisse verändert, jedoch anders als von Washington erhofft. Der Wandel vollzog sich in zwei Hauptschritten: Einerseits verschiebt sich das Machtspektrum weg vom obersten Führer hin zu den Revolutionsgarden, andererseits werden radikalere Figuren an die Stelle der getöteten Anführer gesetzt. “Der Iran ist formell weiterhin eine Theokratie, in der Praxis jedoch ein militarisiertes System,” bemerkt Vaez. Diese Entwicklung hat sich über vier Jahrzehnte vollzogen. Die Revolutionsgarden haben im Laufe dieser Zeit bedeutende Wirtschaftskonglomerate, Medienunternehmen und Banken aufgebaut, wodurch ihre zentrale Rolle in der Politik weiter wuchs. Der Angriff beschleunigte diese Machtkonzentration entscheidend.
Der Tod Chameneis hat die religiöse Führung des Landes geschwächt. Obwohl er selbst den Hardlinern nahestand, war er eine Instanz, die den Revolutionsgarden Grenzen setzte, etwa indem er das Anreichern von Uran für Atomwaffen verhinderte – ein politischer Entscheid, da der Iran technisch dazu fähig ist. Der designierte Nachfolger Chameneis, sein Sohn Modschtaba, scheint dagegen weniger Autorität zu besitzen und taucht in den Medien bisher nicht auf.
Ali Vaez prognostiziert, dass selbst bei einem Rückkehr des neuen obersten Führers seine Macht durch die Revolutionsgarden beschränkt wäre. Pragmatischere politische Kräfte stehen nun weitgehend isoliert da; ein Beispiel ist Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf, der das Verhandlungsteam in Islamabad leitet – er war früher Luftwaffenkommandant der Revolutionsgarden.
Dies verstärkt die Haltung im Verhandlungsprozess, bietet aber auch einen Vorteil: Das Team verfügt über mehr Autorität als frühere Delegationen, da es das Vertrauen der Revolutionsgarden genießt. Die fehlende Einigung nach den ersten Gesprächen überrascht Experten wie Vaez nicht; nun sitzen Hardliner am Verhandlungstisch.
Der Iran beabsichtigt weiterhin die Kontrolle über die Strasse von Hormus zu behalten, ein strategischer Punkt für globale Märkte. Teheran wird dies nur unter erheblichen Zugeständnissen durch Washington aufgeben. Trotz dieser Spannungen gibt es laut Vaez einen entscheidenden Erfolg: Sowohl der Iran als auch die USA streben keine Rückkehr zum Krieg an, da diese Konfrontation kostspielig war und das Risiko birgt, außer Kontrolle zu geraten.