Das Thema «Remontada» – die Aufholjagd – wird in Madrid noch lange besprochen werden, bis zum Rückspiel der Champions-League-Viertelfinals in einer Woche.
In einer dramatischen Szene nach 60 Spielminuten reckte Manuel Neuer seine Arme triumphierend in die Luft. Er war aus seinem Tor gesprungen und hatte alle Tricks von Vinícius Júnior, dem einzigen Angreifer vor ihm, abgewehrt, ohne zu stürzen. Am Ende zwang er den Star des Gegners so weit beiseite, dass dieser nur das Aussennetz traf. Diese Szene war eine von vielen brillanten Momenten Neuers in der 2:1-Siegpartie des FC Bayern gegen Real Madrid im Hinspiel. Doch es war besonders symbolträchtig.
Zwei Jahre zuvor hatte Neuer im Halbfinale an derselben Stelle einen harmlosen Schuss von Vinícius abprallen lassen und damit das Unheil der Münchner eingeleitet, als Joselu kurz vor Ende des Spiels zum Ausgleich traf und in der Verlängerung sogar den Siegtreffer erzielte. Damals war Neuer 38 Jahre alt und hatte seinen Patzer mit einem Maulwurfshügel erklärt, was Kritiker dazu veranlasste zu mutmaßen, dass selbst für einen Athleten seiner Klasse die Zeit gekommen sein könnte. Jetzt ist Neuer 40 und entkräftete diese Theorie: «Die Idee einer Midlife Crisis scheint mir eine geschmacklose Theorie», kommentierte ein Reporter der Madrider Sportzeitung «As».
Nach einem wackeligen Bundesligaspiel in Freiburg hatte man Neuer als Schwachstelle der ansonsten starken Bayern-Mannschaft ausgemacht. Doch im Endeffekt war es er, der mit seiner Präsenz die Furcht seines Teams besänftigte und das Team vor dem Absturz rettete.
Der Match war äußerst spannend und sah 20 Schüsse pro Mannschaft. Doch seine Qualität ließ zu wünschen übrig, da viele Chancen durch gegnerische Fehler entstanden – ein Vorgeschmack auf die verbleibende Spielzeit? Die Profis sind wegen des straffen Saisonkalenders an ihre Grenzen gelangt: Real lief nur 101,9 Kilometer, eine überraschend niedrige Zahl für ein derart wichtiges Match (Bayern: 110,9). Auch die Konzentration litt unter den dichten Turnieren im Vorjahr und dem Auftritt bei der Klub-WM.
Die Torhüterposition stellte sich als entscheidender Faktor heraus. Real musste auf Thibaut Courtois verzichten, während Neuer seine Klasse unter Beweis stellte. Beim zweiten Münchner Treffer durch Harry Kane hätte Courtois mehr entgegensetzen können als Lunin.
Kurz nach der Halbzeit führten die Bayern 2:0 und ein Kantersieg schien möglich. Madrid öffnete seine ohnehin schwache Abwehr weiter, um den Rückstand aufzuholen. Dies eröffnete Kontermöglichkeiten für die Bayern, die sie jedoch ungenutzt ließen – Kylian Mbappé traf zum Anschluss und brachte Real zurück ins Spiel.
«Wir sind am Leben», verkündeten die Madrider einstimmig nach dem Match. Die Saison von Madrid war bisher enttäuschend, doch in diesem Spiel zeigte sich, dass sie den Bayern Paroli bieten können. Trainer Álvaro Arbeloa betonte: «Wenn jemand in München gewinnen kann, dann wir. Wer daran zweifelt, soll in Madrid bleiben.» Der Begriff «remontada» wird bis zum Rückspiel eine zentrale Rolle spielen.
In Deutschland entzündete sich die Diskussion um Neuers Zukunft im Nationalteam. Teamkollege Aleksandar Pavlović und Experten äußerten den Wunsch, ihn bei der WM zu sehen, während Lothar Matthäus meinte: «Das Tischtuch zwischen Nagelsmann und Neuer ist zerschnitten.»
Neuer selbst kommentierte: «Wir brauchen das Thema überhaupt nicht aufzumachen.» Er fokussiert sich ganz auf den FC Bayern. Sportdirektor Max Eberl äußerte sich zur Vertragsverlängerung, die Neuer im fünften Lebensjahrzehnt bindet.