Einst stand Marisol im Rampenlicht der New Yorker Kunstszene und galt als bekannter als Andy Warhol, doch heute ist sie weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Kunsthaus Zürich widmet ihr die erste europäische Retrospektive und beleuchtet so das Werk dieser Künstlerin mit venezolanischen Wurzeln.
In den sechziger Jahren war Marisol, die eigentlich Maria Sol Escobar hieß, eine Ikone der Pop-Art. Ihr Einfluss reichte über ihre Zeitgenossen wie Roy Lichtenstein oder Tom Wesselmann hinaus. Warhol bezeichnete sie als “die erste Künstlerin mit Glamour”, ein Etikett, das ihr anhaftete.
Marisol, von der zierlichen Gestalt Audrey Hepburns, war nicht nur aufgrund ihrer Schönheit bekannt; zwei Filme drehte Warhol mit ihr. Doch ihre brachialen Holzskulpturen machten sie berühmt. Im Kunsthaus wird diese einzigartige Arbeit nun erstmals in Europa präsentiert.
Marisol experimentierte mit traditioneller Schnitzkunst und ließ sich von den indigenen Völkern Nordamerikas sowie der präkolumbischen Kunst Lateinamerikas inspirieren. Ihre kühnen, einfachen Holzkastenskulpturen kombinierten geschnitzte, abgegossene oder fotografierte Elemente zu lebensgroßen Figuren mit eigenem Charakter.
Ihre popkulturellen Plastiken von der Kennedy-Familie bis hin zu John Wayne und Andy Warhol erregten Aufsehen. Sie thematisierten die gesellschaftliche Rolle der Frau, Geschlecht und Sexualität. Kunstmagazine erwähnten Marisol häufiger als andere New Yorker Künstler.
Marisol wurde neben Jasper Johns und Robert Rauschenberg ausgestellt und von Galerist Leo Castelli gefördert. Ihr künstlerischer Höhepunkt war 1968, als sie Venezuela bei der Biennale von Venedig vertrat und an der Documenta in Kassel teilnahm.
Nach ihrem Tod 2016 ist Marisol fast vergessen. Die New Yorker Kunstszene war damals für Frauen hart; Marisol jedoch zog sich oft zurück und suchte Zuflucht im Ausland, wie sie nach ihrer ersten Ausstellung berichtete.
Ihre Kindheit verbrachte Marisol als Tochter einer Kunstmäzenin aus Venezuela in Europa und den USA. Nach dem Selbstmord der Mutter schwieg sie jahrelang. Ihre Werke beziehen sich oft auf persönliche Erfahrungen, etwa die Skulptur “Mi Mama y Yo”.
Marisols Aura von Zurückhaltung faszinierte die Kunstszene. In den Fünfzigerjahren kam sie nach New York und traf sich mit Vertretern des abstrakten Expressionismus. Ihre Holzskulptur “The Car” aus dieser Zeit, in der alle Passagiere ihr Gesicht trugen, hinterfragte Identität und soziale Themen.
Marisol zog sich bewusst von den Zwängen des Kunstmarktes zurück, was ihrer Karriere schadete. 1969 absolvierte sie eine Tauchausbildung auf Tahiti und begann aquatische Skulpturen zu erschaffen. Sie setzte sich frühzeitig für Umweltthemen ein und reiste nach Enttäuschungen über das Vorgehen gegen Vietnamkriegsdemonstrationen durch Ostasien.
Ihr letztes großes Werk beschäftigte sich mit der Entrechtung postkolonialer Bevölkerungsgruppen. Marisol, die selbst als Kosmopolitin aufwuchs, reflektierte stets über migrantische Erfahrungen und betonte in ihrer Autobiografie 1995 ihre Weisheit und Stolz darauf, eine Künstlerin zu sein.