Anna Jobin, die scheidende Präsidentin der eidgenössischen Medienkommission, äußert Bedenken über ausländische Plattformen wie X und deren dominierenden Einfluss. Sie schlägt eine gemeinwohlorientierte Alternative vor, etwa ein Schweizer Twitter, um diese Herausforderung zu bewältigen.
NZZ AM SONNTAG fragt Jobin nach ihrer Reaktion auf das klare Nein zur SRG-Initiative: “Es ist erfreulich, dass die Bevölkerung den medialen Service public unterstützt. Dies steht im Gegensatz zum Anliegen der Initiative, wie unsere Kommission seit Jahren betont hat.
Der Bundesrat plant bis 2029 eine neue Konzession für das Medienhaus SRG und möchte sich mehr auf Information, Bildung und Kultur konzentrieren, mit potenziellen Einschränkungen in Sport und Unterhaltung. Jobin sieht dies kritisch: Eine stärkere Fokussierung auf Nachrichten sei nicht sinnvoll, da die SRG bereits viel Informationsmaterial liefert und Unterhaltung zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beiträgt.
Medienminister Albert Rösti erwägt, der SRG im Online-Bereich, insbesondere bei Textveröffentlichungen, stärkere Grenzen zu setzen. Jobin hält das für problematisch: Ein starkes Online-Engagement ist entscheidend für die Relevanz der SRG. Ohne digitale Präsenz könnten ihre Angebote irrelevant werden.
Die Medienkommission lehnt die Annahme ab, dass SRGs kostenlose Online-Angebote private Medien verdrängen. Studien widerlegen dies; Nutzer von SRG-Inhalten zeigen eher eine generelle Bereitschaft zur Abonnierung privater Medien.
Jobin betont den unmittelbaren Austausch zwischen der Medienkommission und dem Bundesrat, unterstreicht aber, dass letztlich verschiedene Faktoren die Entscheidungen des Bundesrats beeinflussen. Die Kommission konzentriert sich darauf, den Service public neu zu überdenken.
Jobin plädiert für eine Überlegung, wie Demokratie im digitalen Zeitalter funktionieren kann, da Diskussionen zunehmend auf ausländischen Plattformen stattfinden. Sie schlägt vor, gemeinwohlorientierte Infrastrukturen zu etablieren, die als dezentrale Debattenräume dienen.
Obwohl es noch keine Vorbilder für solche Plattformen gibt, hat der Public Spaces Incubator erste Experimente gemacht. Jobin betont die Notwendigkeit einer europäischen Zusammenarbeit bei solchen Infrastrukturen und fordert Transparenz in Algorithmen und Regeln.
Trotz des Potenzials für Konflikte sieht sie Lösungen, um Debatten konstruktiv zu gestalten. Der mediale Service public sollte nicht nur Journalismus produzieren, sondern auch neue Technologien testen und Standards setzen, um Desinformation entgegenzuwirken.
Jobin hinterfragt die Nutzung von Plattformen wie X durch den Bundesrat, da diese problematische Inhalte verbreiten. Sie sieht Bedarf für alternative Kommunikationsinfrastrukturen und weist auf Beispiele wie Mastodon hin, wo Diskussionen begrenzt sind, aber neue Nutzer wichtig wären.
Schließlich erwähnt Jobin die Idee eines “Swiss Youtube” als Erweiterung von Play Suisse. Die SRG könnte Inhalte von Dritten bereitstellen und so eine größere Pluralität fördern. Auch wenn Medienhäuser Akteure sind, betont sie die Bedeutung einer Vielfalt.
Jobin, Assistenzprofessorin an der Universität Freiburg mit Forschungsschwerpunkt auf künstlicher Intelligenz und Algorithmen, verlässt im April 2026 ihr Amt. Sie lebt im Kanton Bern und hat drei Kinder.