Höhere Anforderungen an das gebundene Kapital sind grundsätzlich nicht falsch, jedoch sollte man deren Effekt auf Stabilität nicht pauschal überbewerten. Neue Regulierungen könnten die UBS dazu zwingen, aus dem gebundenen Eigenkapital höhere Erträge zu erwirtschaften. Nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse ist es verständlich, dass politisch reagiert wird: Die UBS soll mehr Eigenkapital halten, insbesondere für ihre Auslandstöchter. In der öffentlichen Diskussion erscheint dies nahezu als Selbstverständlichkeit – die Annahme, mehr Kapital führe automatisch zu mehr Sicherheit, dominiert auch in den aktuellen Vorschlägen des Bundesrats. Diese Annahme ist jedoch nicht unumstritten. Ökonomisch gesehen ist der Zusammenhang zwischen Kapitalanforderungen und Stabilität weniger eindeutig, als es die politische Rhetorik suggeriert. Wer einer Bank mehr Eigenmittel vorschreibt, beeinflusst ihre Handlungsanreize wesentlich. In der Schweizer Debatte wird oft angenommen, dass die UBS lediglich eine passive Rolle in Bezug auf regulatorische Vorgaben einnimmt. Doch eine global agierende Bank reagiert auf strengere Kapitalanforderungen: Sie passt ihr Portfolio, ihre Preisgestaltung, Geschäftsstruktur und Risikoallokation an. Diese Anpassungsmechanismen werden in der aktuellen Diskussion oft übersehen. Unter bestimmten Bedingungen können strengere Solvenzvorschriften paradoxerweise zu erhöhtem Risiko führen. Banken versuchen, die Rentabilität des knapper und teurer gewordenen Eigenkapitals aufrechtzuerhalten. Regulierung trifft also nicht auf ein statisches, sondern auf ein adaptives System. Besonders bei der UBS ist dies von Bedeutung, da sie im Wettbewerb mit amerikanischen und europäischen Konkurrenten steht. Steht sie in der Schweiz unter strengeren Vorschriften als ihre ausländischen Pendants, steigt der Anreiz, diesen Nachteil durch höhere Margen oder risikoreichere Aktivitäten auszugleichen. Hier liegt ein blinder Fleck der Debatte: Es wird kaum gefragt, wie die UBS auf strengere Kapitalvorgaben reagieren würde. Diese Reaktion ist entscheidend; eine höhere Eigenkapitalquote garantiert nicht automatisch geringeres Gesamtrisiko. Es ist durchaus denkbar, dass die von Bundesrätin Karin Keller-Sutter vorgeschlagene Verschärfung letztlich das Gegenteil bewirkt. Um unter strengeren Schweizer Vorschriften wettbewerbsfähig zu bleiben, könnte die UBS gezwungen sein, auf ihr gebundenes Eigenkapital höhere Erträge zu erzielen. Dies kann eine Verschiebung in risikoreichere Geschäfte oder ein offensiveres Risiko-Rendite-Verhalten nach sich ziehen. Wer nur die Bilanz betrachtet, übersieht das Verhalten des Instituts. Die Bank könnte sicherer aussehen, ohne tatsächlich sicherer zu sein. Es wird also nicht in Frage gestellt, dass höhere Eigenmittelanforderungen sinnvoll sind. Doch sollte man deren Effekt nicht mechanisch mit mehr Stabilität gleichsetzen. Entscheidend ist die Frage, ob die Regulierung das Gesamtrisiko der Bank tatsächlich senkt, wenn man ihre Reaktionsmöglichkeiten berücksichtigt. Nach der Credit Suisse erscheint politische Härte naheliegend. Doch Härte ersetzt keine ökonomische Präzision. Eine kluge Regulierung für die UBS misst sich nicht an der Symbolik zusätzlicher Milliarden, sondern daran, ob sie riskantes Verhalten tatsächlich verhindert. Andernfalls könnte eine Verschärfung, die als Lehre aus der letzten Krise gedacht ist, den Keim für die nächste tragen. Dieter Pfaff ist emeritierter Professor für Accounting an der Universität Zürich und Präsident von SwissAccounting.