Psychische Erkrankungen können dazu führen, dass Menschen ihre Arbeit aufgeben oder gar nicht erst einsteigen. Experten betonen die Notwendigkeit frühzeitiger Unterstützung zur Bewältigung dieser Herausforderung.
Trotz der Tabuisierung und Stigmatisierung psychischer Krankheiten sind deren wirtschaftliche Auswirkungen erheblich. Eine Studie des Versicherers Zurich Insurance prognostiziert, dass die Vernachlässigung dieser Erkrankungen bis 2030 zu Kosten von bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in einigen Ländern führen könnte.
Ein wesentlicher Faktor ist das Fehlen Betroffener am Arbeitsplatz oder deren Ausscheiden aus dem Berufsleben. Für Deutschland schätzt Zurich Insurance, dass die Produktivität im laufenden Jahr um 110 Milliarden Euro eingeschränkt wird und diese Zahl bis 2030 auf 120 Milliarden Euro steigen könnte.
Die Studie bezieht sich unter anderem auf Angstzustände, Depressionen, Essstörungen sowie neurologische Entwicklungs- und psychotische Störungen. Bis 2030 könnten rund 16 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen sein. Besonders besorgniserregend ist die hohe Prävalenz unter Jugendlichen: Etwa 30 Prozent der 15- bis 19-Jährigen in Deutschland sind aktuell von einer psychischen Erkrankung betroffen.
Auch in der Schweiz sind solche Störungen weit verbreitet. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium stellte fest, dass im Laufe ihres Lebens etwa die Hälfte der Bevölkerung direkt von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Trotz hoher Lebensqualität und Zufriedenheit besteht die Gefahr, dass 20 bis 40 Prozent an Depressionen erkranken.
Die wirtschaftlichen Kosten sind beträchtlich. Laut “Soziale Sicherheit” des Bundesamts für Sozialversicherungen stiegen in der Schweiz die gesundheitsbedingten Arbeitstage von 6,3 auf 8,5 pro Jahr und Vollzeitstelle zwischen 2010 und 2024. In Deutschland lag die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2024 bei 14,8 Tagen.
Viele psychische Erkrankungen resultieren in Langzeiterkrankungsfällen, wie eine Studie von Swica und Workmed zeigt: 95 Prozent der Fälle wurden als vollständige Arbeitsunfähigkeit gemeldet mit einer durchschnittlichen Dauer von 218 Tagen.
Alison Martin von Zurich hebt hervor, dass psychische Probleme dazu führen können, dass Menschen ihren Beruf aufgeben oder nie beginnen. Christian Pfister von Stand by You Schweiz ergänzt die gesellschaftlichen Kosten bei jungen Erwachsenen, die nicht mehr ins Arbeitsleben zurückkehren.
Die indirekten Kosten betreffen Arbeitgeber, die Ausfälle ausgleichen oder neue Mitarbeiter suchen müssen. Die Belastung für Angehörige ist oft unsichtbar und in Statistiken unterrepräsentiert. Martin warnt davor, dass KI und Automatisierung den Druck auf Arbeitskräfte erhöhen könnten.
Pfister betont die Notwendigkeit von mehr Inklusion am Arbeitsplatz trotz der weit verbreiteten Stigmatisierung psychischer Krankheiten. Frühzeitige Hilfe kann verhindern, dass sich anfängliche Probleme zu einem dauerhaften Rückzug entwickeln. Im Rahmen von Zurichs Rehabilitationsdiensten konnten etwa ein Drittel der frühzeitig unterstützten Mitarbeiter im Job bleiben.