Alain Wicht ist sich nie sicher, was ihn bei der Arbeit erwartet. «Es ist immer eine Entdeckung», sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Als Beauftragter für die Vermessung der Landesgrenzen beim Bundesamt Swisstopo nutzt er das GNSS-System, um die Schweizer Grenze präzise auf den Zentimeter genau zu vermessen – eine Aufgabe, die einst undenkbar erschien. Früher war die Landesvermessung mit Triangulationspunkten ein abenteuerliches Unterfangen, das mehrere Personen und viel Zeit erforderte.
Aktuell ist Wicht an der Grenze zu Italien tätig, wo ein Abkommen aus den 1960er-Jahren aktualisiert werden soll. Da Grenzen sich ändern können, etwa durch Verschiebungen von Wasserscheiden im Alpenraum infolge des Gletscherschmelzens, erfordert dies Neuaushandlungen.
Die italienische Grenze wird von 1661 Punkten markiert; entlang der gesamten Schweizer Grenze sind es über 7000. Wichts Aufgaben umfassen nicht nur die Vermessung dieser Punkte, sondern auch deren Kontrolle und Pflege, darunter das Entfernen von Moos oder das Nachzeichnen von Gravuren.
Einige der Grenzsteine sind älter als die Schweiz selbst, da bei der Gründung des Bundesstaates 1848 oft die Grenzen der heutigen Kantone übernommen wurden. Wicht zeigt auf einen Stein aus dem 16. Jahrhundert mit einer Drachenverzierung. Die eindrücklichsten Steine befinden sich an der Grenze zu Frankreich, verziert mit der Fleur de Lys, dem Symbol der französischen Monarchie.
Wenn es um den Ersatz alter Steine geht, steht Wicht fest: «Diese Steine gehören hierhin», obwohl er manchmal in die Vergangenheit gedanklich abdriftet und staunt, wie diese schweren Steine einst an ihre Orte gebracht wurden. Ungefähr ein Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Wicht draussen im Feld, ausgestattet mit Kletterseil, Steigeisen und Buschmesser.
Die restliche Zeit erfordert Trittsicherheit auf dem diplomatischen Parkett. Als Mitglied technischer und politischer Kommissionen trifft er sich mit Vertretern der Nachbarländer, um bei veränderten Grenzverhältnissen Lösungen zu finden. «Wir sind da, um Lösungen zu bieten», betont er, und ergänzt: «Eine Landesgrenze ist wie ein Reissverschluss. Man kann die Jacke öffnen oder schließen. Sie trennt, verbindet aber auch.»