Israel führt die intensivsten Luftangriffe seit Ausbruch des Konflikts gegen die Hisbollah, während es gleichzeitig Gesprächsangebote an den Libanon richtet. Der Nahost-Experte Richard C. Schneider erläutert diese Doppelstrategie.
Richard C. Schneider, ein erfahrener Autor für die NZZ und ehemaliger ARD-Korrespondent sowie Bestsellerautor des Spiegels, berichtet seit Jahrzehnten über Israel und die gesamte Region.
In einem Gespräch mit SRF News erläutert Schneider, dass der Wunsch Israels nach Verhandlungen positiv zu bewerten sei und von den USA angestossen wurde. Die libanesische Bevölkerung wendet sich zunehmend gegen die Hisbollah, da deren Aktionen Tod und Katastrophen verursachen. Die Schwächung der Organisation und die Gesprächsbereitschaft der Regierung in Beirut sind bereits länger bekannt.
Israel führt dennoch heftige Angriffe, um seine Sicherheit zu gewährleisten – ein Resultat des von der Hisbollah initiierten Konfliktes am 7. Oktober 2023. Der Norden Israels wird kontinuierlich beschossen, was zur Evakuierung von 80’000 Menschen und massiven Zerstörungen führte.
Die jüngsten israelischen Angriffe mit über 300 Todesopfern lösen weltweit Entsetzen aus. Schneider erklärt das als moralisches Dilemma: Die Hisbollah nutzt zivile Gebiete bewusst für ihre Operationen, um Israels Reaktion in ein negatives Licht zu rücken – eine Strategie, die Zivilisten in Mitleidenschaft zieht.
Premierminister Netanjahu spricht von einem «totalen Sieg» über die Hisbollah. Schneider zweifelt daran: Weder mit der Hamas noch mit der Hisbollah konnte ein solcher Erfolg erzielt werden, da eine vollständige Entwaffnung laut israelischem Generalstab unmöglich und zu verheerend wäre.
Gleichzeitig finden in Pakistan Gespräche zwischen den USA und dem Iran statt. Diese könnten Israels Handlungsfreiheit beeinträchtigen und als Erfolg für die Hisbollah gewertet werden, sollte Israel dadurch in seinen Aktionen beschränkt werden.
Das Interview führte David Karasek im Rahmen des Tagesgesprächs am 10. April 2026 um 13:00 Uhr.