Am kommenden Dienstag sollen in Washington erste Gespräche zwischen den verfeindeten Staaten Israel und Libanon stattfinden. Diese diplomatische Initiative bringt Iran in eine prekäre Lage.
Trotz der Ankündigung von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu über Friedensverhandlungen, führte Israel am Tag danach erneut Luftangriffe auf Südlibanon durch. Bodengefechte zwischen israelischen Truppen und Hizbullah nahe der Grenze setzten sich fort; militärische Aktionen endeten jedoch nicht.
Während die libanesische Hauptstadt eine Waffenruhe vor den Verhandlungen fordert, besteht Israel darauf, dass diese unter Kampfbedingungen stattfinden. Nach intensiven Bombardements mit über 300 Todesopfern drosselte Israel seine Angriffe in Libanon ab. Zuvor hatte das israelische Militär die Evakuierung des Südens Beiruts verordnet, doch folgten bis Freitag keine Luftangriffe mehr auf die Stadt.
Die Reduktion der Attacken ist laut US-Medien auf Druck von Präsident Donald Trump zurückzuführen. Nach einem Telefonat mit Netanyahu forderte er Israels Regierungschef dazu auf, das libanesische Verhandlungsangebot anzunehmen und die Angriffe zu reduzieren.
Washington befürchtet, dass anhaltende Attacken in Libanon den bevorstehenden Gesprächen mit Iran zum Scheitern verhelfen könnten. Am Samstag treffen iranische und amerikanische Delegationen in Pakistan aufeinander. Teheran und Islamabad behaupten eine zweiwöchige Waffenruhe auch für Libanon zu gelten, was von Israel und den USA bestritten wird.
Obwohl Netanyahu momentan auf weitere Luftangriffe auf Beirut verzichtet, plant Israel die Kämpfe in Libanon fortzusetzen. Die Schiitenmiliz feuerte am Donnerstag und Freitag Dutzende Raketen auf Israel ab.
Netanyahus Entscheidung hat drei Gründe: Erstens sind militärische Ziele noch nicht erreicht; Bewohner Nordisraels suchen weiterhin Schutz vor Hizbullah-Raketen. Zweitens würde eine Waffenruhe ohne libanesische Zugeständnisse in Israel unpopulär ausfallen, besonders mit einer Parlamentswahl im Herbst. Drittens verfolgt die israelische Armee strategische Überlegungen: Eine von Iran erzwungene Waffenruhe könnte Teherans Einfluss auf Libanon stärken und seine „Achse des Widerstands“ rehabilitieren.
Iran steht vor einem Dilemma. Unterstützt es den Hizbullah nicht militärisch, könnte es seinen libanesischen Verbündeten verlieren. Platzen die Gespräche mit den USA durch das libanesische Schicksal wieder auseinander und zieht Iran in den Krieg zurück, dürfte Teheran als unverantwortlicher Akteur gelten. Eine Mehrheit der Iraner würde zudem nicht verstehen, warum sie erneut unter Luftangriffen leiden müssen.
Das erste Treffen zwischen Vertretern Libanons und Israels ist laut „L’Orient Le Jour“ für kommenden Dienstag geplant. Vorher soll libanesischer Ministerpräsident Nawaf Salam von US-Aussenminister Marco Rubio in Washington empfangen werden.
In der ersten Verhandlungsrunde treffen laut Berichten die libanesische Botschafterin in den USA, Nada Hamadeh, und Israels Gesandter Yechiel Leiter aufeinander. Letzterer ist ein langjähriger Vertrauter Netanyahus und rechter Hardliner. Libanons früherer Botschafter in Washington sowie der Chefdiplomat der USA in Beirut, Michel Issa, sind ebenfalls Teilnehmer.
Die direkten Gespräche zwischen Libanon und Israel stellen einen historischen Schritt dar, da beide Länder offiziell seit 1948 im Kriegszustand sind. Doch die Verhandlungen könnten komplex werden: Israel fordert die Entwaffnung des Hizbullah, was von der schwachen libanesischen Regierung kaum erfüllt werden kann. Versuche, ein Gewaltmonopol gegen die Schiitenmiliz durchzusetzen, schlugen in der Vergangenheit fehl. Auf israelischer Seite dürfte der Wille zu Kompromissen gering sein.
Der Hizbullah bleibt standhaft. Generalsekretär Naim Kassem forderte Libanons Regierung auf, keine bedingungslosen Zugeständnisse mehr zu machen und versprach, bis zum „letzten Atemzug“ weiterzukämpfen. Doch so sicher wie früher scheint sich Kassem nicht zu fühlen; seine Durchhalteparolen wurden nur vorlesen gelassen.