Das offiziell als “Tibetisches Dorf Tashiling” bezeichnete Lager in der nepalesischen Touristenstadt Pokhara strahlt auf den ersten Blick Ruhe aus. Grüner Rasen, sanfte Gelbnuancen an den Gebäuden und die majestätischen Himalaya-Berge im Hintergrund schaffen eine friedliche Atmosphäre. Restaurants mit Namen wie “Yak” und “Little Tibet” bieten salzigen tibetischen Buttertee und Momos – traditionelle Teigtaschen – zum Verkauf an, während Überwachungskameras am Eingang die andauernde Tragödie der Situation verdeutlichen.
Karma, ein 45-jähriger Tibeter, verkauft in seinem Laden Kunsthandwerk wie Klangschalen und Amulette. Er gehört zu den wenigen Tibetern im Lager, die sich öffentlich zur prekären Lage ihrer Exilgemeinde äußern. Vorsicht ist ihm jedoch geboten: “Wir können niemandem mehr vertrauen,” warnt er.
Die Angst vor chinesischen Spionen ist allgegenwärtig. Nepal beheimatet nach Indien die weltweit zweitgrößte Tibeter-Gemeinschaft, die von China als Bedrohung für dessen territoriale Integrität gesehen wird. Deshalb übt China politischen Druck auf Nepal aus, das stark von chinesischer Finanzhilfe abhängig ist.
Karmas Eltern gehörten zu den ersten Flüchtlingen, die Tibet verließen und nach der Annexion Chinas 1959 ins Exil gingen. Das Lager Tashiling diente ihnen als Zufluchtsort, wo sie ihre Kultur bewahren konnten. Doch seit Ende der 80er-Jahre ist es für Tibeter in Nepal schwieriger geworden, sich offiziell registrieren zu lassen.
“Für unsere Neunjährige bekommen wir nicht einmal einen Geburtsschein,” beklagt Karma. Ohne solche Dokumente bleibt seine Tochter rechtlich unsichtbar und wird nie eine Universität besuchen oder reguläre Arbeit finden können. Namkyi, die in einem Teppich-Schauraum der Gemeinschaft arbeitet, teilt diese Schwierigkeiten: “Wir sind staatenlos,” sagt sie.
Die Zukunft ist ungewiss. Als Dolma und ihr Mann Tenzin im Lager leben, fühlen sie sich wie Feinde behandelt, besonders vor tibetischen Feiertagen. Politologe Pramod Jaiswal betont Chinas wachsendes Interesse an Nepal, insbesondere bezüglich der Nachfolge des Dalai Lama.
Kritik kommt von Menschenrechtsaktivist Gopal Krishna Siwakoti, der die nepalesische Flüchtlingspolitik kritisiert. Die neue Regierung Nepals hat China bereits Unterstützung zugesagt, was das diplomatische Patt weiter verstärkt. Trotz des Drucks haben alle Regierungen bisher Tibeter nach China zurückgeschickt.
Mit jeder Generation, die Nepal verlässt, wächst die Gefahr, dass die tibetische Identität untergeht – ein Umstand, der aus chinesischer Sicht willkommen sein dürfte. So ziehen viele junge Flüchtlinge wie Tenzin und Dolmas Töchter nach Indien, wo sie zumindest eine Zukunftsperspektive sehen.