Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ hinterfragt die verbreitete Annahme eines unüberbrückbaren Ost-West-Gegensatzes. Der Autor, geboren 1994 in Räckelwitz und lebend in Görlitz, zeigt auf, dass die gesellschaftlichen Konflikte weniger regional als existenziell sind.
In einer Zeit, in der politische Gruppierungen wie die AfD den Osten für sich nutzen, erzählt Rietzschel von Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West. Sein Roman, ein historisches Panorama der DDR bis zur Gegenwart, verbindet zwei Zeitebenen: das Ende der DDR und die Corona-Jahre mit Russlands Angriff auf die Ukraine.
Die fiktive Kleinstadt Sanditz steht im Zentrum des Romans. Hier arbeiten Marion Wenzel und Roland Moschnik in einer Flachglasfabrik, deren Leben von geheimen Beziehungen und gesellschaftlichen Zwängen geprägt sind. Marions Familie, die eine zentrale Rolle spielt, erlebt Veränderungen über mehrere Generationen hinweg.
Rietzschel illustriert durch seine Charaktere die Herausforderungen des Lebens in der DDR und danach. Die Abhängigkeit von der Braunkohleförderung spiegelt sich in den Schicksalen wider, ähnlich wie industrielle Transformationen auch im Ruhrgebiet stattfanden.
Der Roman fragt nach dem „immer heilen“ Zustand und erzählt mit feinen Details vom Wandel Deutschlands. Er vermeidet es, die individuellen Verluste ideologisch aufzuladen, sondern zeigt deren private Komponenten.
Marions Tochter Maria kehrt aus Kassel zurück, enttäuscht von den reduzierten Themen ihrer Herkunftsregion: „AfD oder Wölfe, alles andere wird schwierig.“ Tom, Marias Bruder, verlässt seinen Polizeidienst aufgrund seiner Überzeugungen und zieht in die Ukraine, um gegen Russland zu kämpfen.
Rietzschel webt aus vielen Geschichten ein Zeitmosaik, das den Leser dazu anregt, über die Komplexität der deutschen Geschichte nachzudenken. Sein Roman ist kein Denkmal für eine bestimmte Epoche, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Ungeklärten und Uneindeutigen.
Mit einem feinen Lächeln beginnt das Buch mit dem Sturz eines Bismarck-Denkmals, symbolisch gesprochen vielleicht vom Autor selbst initiiert.
Lukas Rietzschel: Sanditz. Roman. DTV-Verlag, München 2026. 480 S., Fr. 37.90.