José-Maria Vidal hatte im März 2020 den Punkt erreicht, an ‹Exit› zu denken, da er das Leben nicht mehr aushalten konnte. Eine chronische Lungeninfektion hielt ihn über Monate ans Krankenbett des Genfer Universitätsspitals gefesselt, seine Lunge war von Schleim befallen und schwer atmbar.
Die wiederholte Antibiotikabehandlung hatte die Bakterien resistent gemacht. Die Medikamente verloren ihre Wirksamkeit, und Vidal verlor den Lebensmut.
In dieser verzweifelten Lage rief Infektiologe Christian Van Delden zu einer letzten Maßnahme auf: der Phagentherapie. Diese Therapiemethode ist trotz ihrer über 100-jährigen Geschichte in der Schweiz und vielen anderen Ländern nicht zugelassen, außer in Notfällen als individueller Heilversuch.
Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien angreifen und zerstören. Sie kommen natürlich vor und werden gezielt gegen spezifische krankmachende Keime eingesetzt. Obwohl weltweit zahlreiche Fallstudien über ihre Wirksamkeit dokumentiert wurden, fehlen in der Schweiz noch wissenschaftliche Studien mit Kontrollgruppen.
Für Vidal gab es keine andere Wahl. «Ich hatte keine Angst», erinnert er sich. Das Genfer Labor fand schließlich in Amerika den passenden Phagen, den die Yale University kostenfrei zur Verfügung stellte.
Die Therapie begann im März 2020. Während fünf Tagen inhalierte Vidal die Phagen, spürte dabei eine Hitze in der Lunge und fühlte sich von einer Veränderung überwältigt. Nach einigen Tagen kehrte seine Atmung zur Normalität zurück, Atemnot war verschwunden, Auswurf reduziert und Fieber behoben.
Van Delden beschreibt die Wirkung: «Nach drei bis vier Tagen war er transformiert». Die Antibiotika konnten reduziert werden. Nach drei Wochen verließ Vidal das Spital als Sieger über seine Krankheit.
Obwohl nicht geheilt, fand Vidal wieder ins Leben zurück und arbeitet nun als Ausbildner. Im Herbst 2024 erfuhr er eine erneute erfolgreiche Behandlung mit Phagen. Eine belgische Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte 100 Fälle: In 61 Prozent konnte die Therapie die Bakterien eliminieren, doch nicht immer war sie erfolgreich.
Van Delden ist überzeugt: «Es war die Kombination von Antibiotika und Phagen, die wirkungsvoll war.» Am Genfer Universitätsspital wurden mittlerweile drei weitere Patienten mit dieser Therapie behandelt.